Von Karl-Heinz Wocker

Es schwang schon immer viel Neid mit in den Kommentaren der Klatsch-Kolumnisten, die den Lesern britischer Massenblätter einredeten, nun müsse der Prinz aber endlich sagen, wen er denn zu heiraten gedenke. Alle möglichen Ausreden wurden ersonnen, warum das flotte Junggesellenleben so nicht weitergehen könne. Mit dem Auftreten von Diana Spencer hat die Hysterie eine neue Qualität angenommen (wenn das der richtige Ausdruck ist). Diese „Di“ solle es aber nun sein, sagt man uns, sonst sei der Spaß vorüber.

Das ist er schon lange für die Familie dessen, der da zum Zwecke der Auflagensteigerung einer kränkelnden Zeitungswelt verhökert wird – und nicht zum ersten Male. Hinter den Kulissen gab es Winke aus Richtung Palast in Richtung Fleet Street, und die Kuppel-Kolumnisten nahmen hörbar das Gas weg. Statt dessen regten sich die Leitartikler (derselben Blätter) über den unwürdigen Rummel auf, den eine sensationsgierige Presse (?) mit dem Thronfolger anstelle. Man sieht: Der kann tun und lassen, was er will, alles wird zu Tratsch und Gegentratsch verbraten. Kein Wunder, daß es ihn in seiner jetzigen Lage hält. In ihr darf er genau das, was ihm offenkundig am meisten behagt, nämlich tun und lassen, was er will.

Charles ist 32, die Mutter 54 und rüstig, auch wenn die Lesebrille nun sogar öffentlich aus dem Täschchen hervor muß. Die Frage, wie lange sie es noch macht, ist nicht statthaft. Von ernsthaften Überlegungen, wie es mit der vorzeitigen Pensionierung (samt golden handshake?) so um die 65 stehe, kann gar keine Rede sein. Wenn sie nicht krank wird, hat sie nach der Verfassung keinen Vorwand, sich aufs Königinnenmutterteil zurückzuziehen. Schon gar nicht geht das, solange ihre eigene Mutter noch lebt (und wie sie das tut!). Soll Her Majesty the Queen Mother etwa zur Königin-Großmutter werden? Wäre das eine Beförderung oder eine Degradierung? Nein, wenn die Natur nicht einschreitet, tritt Elisabeth die Zweite nie zurück.

Also wird das vorerst nichts mit Karl dem Dritten. Der bleibt Prinz von Wales und folgt dem Thron. Darüber ist schon mancher Vorgänger grau geworden. Nehmen wir an, Mutter macht’s noch bis 75. Dann ist Charles 53, und wir schreiben das Jahr 2001. Auf den Thron gelängt dann ein Großvater, der seit seinem Polounfall im Jahre 1986 keinen Sport mehr treiben darf und infolgedessen heftig mit Gewichtsproblemen kämpft. Die Heirat seiner Tochter Alexandra mit einem Hongkonger Bankier, der dann als Landspekulant übelster Art entlarvt wurde, bei dubioser Rolle einiger Berater des Prinzen, hat auch nicht zu dessen Lebensfreude beigetragen. Und nachdem Tony Benn in seiner zweiten Amtsperiode als Premierminister 1991 das Oberhaus endlich abgeschafft hat, schwebt auch über der Monarchie nicht mehr die dauerhaft weiße Wolke früherer Tage (und so weiter ...).

Bei solchen Aussichten gehört Mut dazu, sich nur deshalb zu verheiraten, weil die Lästermäuler danach schreien. Noch mehr Mut gehört dazu von Seiten der jungen Dame, um die sich jetzt alles dreht. Sie ist sozusagen die zweite Generation im weiblichen Prinzen-Eskort, da ja schon die ältere Schwester Sarah auf diesem Platz fungierte, sogar mit freigegebenen Photos und Besuch bei der Familie im Urlaub. Die Biographie von Lady Diana Spencer liegt in mancherlei Versionen fertig zum Andruck. Debrett’s, die Adelshandbuchverfasser, wollen gleich nach der Ankündigung der Verlobung mit einem Sonderband zur Hochzeit herauskommen, Auflage 100 000. Es muß nur noch das Kapitel über die Braut angefügt werden. Vermutlich werden einfach die Namen ausgewechselt. Davina Sheffield, Marie Astrid von Luxemburg, Lady Jane Wellesley, Camilla Fane, Fiona Watson, Angela Nevill, Amanda Knatchbull oder Laura Jo Watkins – selbst bei Debrett’s räumt man augenrollend ein, die Liste ließe sich erheblich verlängern. Aus Bildbänden voreiliger Verlage kennt man die dazugehörigen Gesichter. Soll man nun spielverderberische Reflexionen über „Di“ Spencer anstellen und sagen, da habe doch Charles schon ganz andere Sachen aufgerissen? Das wird man dann um so weniger tun, wenn man weiß, mit welchem Horror der Palast – und auch der Prinz selbst – sich den Fall ausmalen, die Herren und Damen Kolumnisten könnten der endlich Auserwählten ihre vorigen Liebschaften nachweisen.

Natürlich muß der König von England eine Jungfrau heiraten. Er ist Oberhaupt der Staatskirche, und gegen deren Heuchelei ist kein Kraut gewachsen. Natürlich ist es in einer Männergesellschaft wie der englischen eine sehr maskuline Heuchelei. Die Vergangenheit des Prinzen spielt keine Rolle, die nennt man Umsichtung und Welterfahrung, in einem Land, in dem soeben ein 16jähriger zur Alimentenzahlung an eine 18jährige verurteilt wurde, beide begannen miteinander vor vier Jahren, die Tochter kam im Juli 1979. Böse schmeckt da die Behauptung, der Prinz habe wohl die einzige 19jährige Unberührte des Landes aufgetan. Nicht zynischer ist es zu fragen, ob das verfassungsgemäße Einverständnis zur Hochzeit, das Premierministerin Thatcher geben muß, wohl an dem Tag kommt, da die Arbeitslosigkeit die Drei-Millionen-Marke überschreitet und die Insel eine Ablenkung braucht. Wen wundert es, wenn des Prinzen Drang zum Altar sich in Grenzen hält, je mehr die Gaffer ihn kujonieren.