Von Helmut Schneider

Nach „Van Gogh bis Cobra“ im Württembergischen Kunstverein nun ein zweiter Höhepunkt des Ausstellungsprogramms der Stuttgarter „Begegnung mit den Niederlanden“ in der Staatsgalerie: „Mondrian – Zeichnungen, Aquarelle, New Yorker Bilder“. Seit der 1972 in Bern gezeigten Retrospektive des malerischen Werks, die als Zugabe auch einige Zeichnungen und Aquarelle enthielt, hat es in Europa keine große Mondrian-Ausstellung mehr gegeben, und eine ausschließlich auf den Zeichner Mondrian konzentrierte überhaupt noch nirgendwo. Die Stuttgarter Veranstaltung ist somit eine reichlich verspätete Premiere, die allerdings von den inzwischen angesammelten Untersuchungen zu Mondrians Kunst und Weltanschauung auch profitiert.

Für Mondrian war Kunst immer auch ein Transportmittel von unanschaulichen Vorstellungen, von Gedanken und Begriffen. Das gilt schon für sein gegenständliches Frühwerk – die Darstellung einer Chrysantheme erfreut sicher das Auge jedes Blumenfreundes, diese Blüte war aber als kosmisches Symbol gedacht – und mehr noch für die abstrakten Arbeiten der „De Stijl“-Zeit – erst die in New York entstandenen Bilder, kontrovers gedeutete Metaphern, deuten ein Übergewicht der künstlerischen Gestaltung über das philosophische Sinnieren an.

Da kaum ein Besucher der Ausstellung die Bücher gelesen haben wird, die Mondrian beschäftigten (ob das der im frühen 19. Jahrhundert erschienene kunsttheoretische Essay eines Humbert, de Superville war oder die mit allerhand verquasten Gedanken vollgestopfte Bibel der Theosophie, die „Entschleierte Isis“ der Madame Blavatzky) und auch nur wenige Mondrians Malerei gut genug kennen dürften, um die Zusammenhänge zwischen Zeichnungen und Gemälden zu erkennen, kommt in diesem Fall dem Katalog besondere Bedeutung zu. Der dreisprachige Band (die Ausstellung wandert noch weiter nach Den Haag und Baltimore) mit Beiträgen von Mondrian-Kennern ist in der Tat ein etwas komplizierter, aber verläßlicher Wegweiser durch Mondrians Gedankenwelt und zum Verständnis seiner Zeichnungen – trotz solcher Merkwürdigkeiten wie der im deutschen Text auf Englisch zitierten Stelle aus einem Stück von Tschechow oder dem Hinweis auf das „Gleichnis von der Grotte“, das sich in Platons „Republik“ finden soll (gemeint ist das Höhlengleichnis aus Platons „Staat“). Ich bin mir nicht sicher, ob es ein guter Einfall war, die Ausstellung mit den Bildern und Zeichnungen aus der New Yorker Zeit (1938 bis 1944) zu beginnen. Ohne Frage eine glanzvolle Ouvertüre, die jedoch die Quintessenz dessen, was die Ausstellung deutlich machen will, vorwegnimmt, nämlich daß Zeichnung und Malerei in Mondrians Schaffen allmählich verschmolzen und er somit darauf verzichtete, eigens Vorzeichnungen für Gemälde anzufertigen – die direkt auf der Leinwand entworfene, bei der Ausführung dann zugedeckte Kompositionsskizze genügte.

Die von Robert Welsh mit einigermaßen überzeugenden Argumenten vorgebrachte Ansicht hat manches für sich. Aber meiner Meinung nach ist es notwendig, hier zu differenzieren. Mondrian war nicht ein Maler, der nebenher immer auch zeichnete, die Zeichnung hatte bei ihm eine bestimmte Funktion innerhalb des Bildfindungsprozesses. Sobald er gefunden hatte, was er brauchte, hörte er auf zu zeichnen, alles weitere war nur noch eine Frage der intelligenten und konsequenten Variation der erhaltenen Grundstruktur. Mit anderen Worten, Mondrian zeichnete, wenn er suchte, im Frühwerk wanderte er dabei durch die gesamte zeitgenössische Kunstgeschichte, von van Gogh bis Matisse, ohne etwas zu finden; er zeichnete, in den Jahren des Übergangs von der Gegenständlichkeit zur Abstraktion, solange bis die Wiedergabe der Wirklichkeit mehr und mehr auf Zeichen des Realen verkürzt und damit die größtmögliche Annäherung des Gesehenen an das Vorstellungsbild erreicht war; er zeichnete, wenn er das einmal festgelegte System verändern wollte, etwa als er um 1925 von der starren Rechtwinkligkeit abging und anfing, Rautenbilder zu malen. Und gelegentlich ist eine Zeichnung nur eine Notiz.

Einige dieser Möglichkeiten der Zeichnung bei Mondrian finden sich in den New Yorker Arbeiten wieder. Einige sind eilig hingeworfene Notizen, dann gibt es präzise Vorstudien zu dem (nicht ausgestellten) Gemälde „Broadway Boogie-Woogie“, dem Bild, das radikal mit Mondrians bisheriger Gestaltungsweise brach, unvollendete Kompositionen mit der Zeichnung auf der Leinwand, die aber bemerkenswerterweise nicht übereinstimmt mit dem angedeuteten Fortgang der Malerei, und schließlich – ebenfalls unvollendete – Gemälde, auf denen die Komposition mit Hilfe von farbigen Klebestreifen, festgelegt ist. Hier stimmt die Theorie, daß Zeichnung und Malerei zusammenfallen, mit der Einschränkung allerdings, daß die die Zeichnung vertretenden Farbstreifen ja bereits ein malerisches Element enthalten.

Alle Zeichnungen, die seit 1917, dem Jahr der Gründung von „de Stijl“, entstanden sind, gehören zum Bereich der Ideenskizze, der Entwurfsstudie, der Vorzeichnung. Die Blätter aus der Zeit des Absprungs von der Realität, erste Schritte dazu datieren in das Jahr 1911, stehen in Zusammenhang mit Gemälden, auf die sie vorlusweisen, die den Zeichnungen auch immer ein Stück voraus sind. Auf diesen Zeichnungen, auf denen Mondrian den Blick auf Häuserfassaden in ein Raster von Linien verwandelt oder den vom Pier auf den Ozean in ein System von horizontalen (nach Mondrian also: weiblichen) und vertikalen (entsprechend: männlichen) Kürzeln, ereignet sich die Aneignung der Wirklichkeit durch die Abstraktion (Bis zum 15. Februar 1981, Katalog 28 Mark).