Das Klassenzimmer als Folterkammer – das ist in der deutschen Literatur ein schier unerschöpfliches Thema. So viele Autoren haben als Schüler gelitten und wohl auch gehaßt, und so mancher hat später als Schriftsteller sein Leid zur Anklage formuliert: als Satire auf die Pauker, als ironische Befreiung von der Penne, als unerbittliche Abrechnung mit der Schulzeit.

Als einer der ersten spottete Goethe über „die Pedanterie und Trübsinnigkeit der Lehrer“. Als einer der letzten richtete Alfred Andersch über den Vater des NS-Mörders Heinrich Himmler, über Gerhard Himmler, den „Rex“ genannten Rektor des Münchner Wittelsbacher Gymnasiums: „Ein Jäger auf einer Pirsch in den Unterricht, dick, ungemütlich, einer von der feisten Sorte ... der Scharfschützen.“

Gelitten haben sie alle: Hebbel, Grillparzer, Heine, Keller und Fontane, Thomas Mann, Hermann Hesse, Günter Grass. Die literarische Geschichte der deutschen Schule liest sich über weite Strecken wie eine Anklageschrift, die Pädagogen an den Pranger stellt: „Sie erscheinen diktatorisch grausam oder lächerlich, unmoralisch verstockt, senil, unehrlich oder von fanatischer Einseitigkeit und Besessenheit, ohne Verständnis für die Jugend“, so beurteilt Martin Gregor-Dellin in seinem schönen, deprimierenden Sammelband „Deutsche Schulzeit“ die literarischen Erinnerungen von Dichtern aus drei Jahrhunderten.

Ist Schule denn immer nur „scheußlich“ (Alfred Kerr)? Sind Lehrer immer nur „tückische, von Neid gequälte, schadenfrohe Idioten“ (Hermann Bahr)? Gehört die Schulzeit immer nur „zu den häßlichsten Jahren des Lebens“ (Hans Bethge)? Es scheint fast so, denn die Fülle schlimmer Zeugnisse ist erdrückend, Berichte, die das Gegenteil belegen, sind dagegen spärlich. Die schöne Schule, liebevolle Lehrer, glückliche Kinder – alles nur Utopie?

Ganz so schlimm ist es wohl doch nicht. Heute glauben wir sogar zu wissen, wie eine gute Schule aussehen müßte. Die Voraussetzungen dafür sind in einer opulenten Studie dargestellt, die ein englisches Wissenschaftlerteam der Universität London in achtjähriger Arbeit erforscht und geschrieben hat und die jetzt auch bei uns erscheint, die Rutter-Studie, so genannt nach dem Kinderpsychiater Michael Rutter.

Michael Rutter u. a.: Fünfzehntausend Stunden – Schulen und ihre Wirkung auf die Kinder, Beltz Verlag, 1980

Was die Londoner Forscher herausgefunden haben, scheint eine alte Weisheit zu sein: Das Wichtigste an einer guten Schule ist eine gute Atmosphäre, ein gutes Klima. Die Autoren benutzen dafür das schöne Wort Ethos, und sie beschreiben, was auf Grund ihrer empirischen Befunde damit gemeint ist. Zu einigen Stichworten aus dem pädagogischen Alltag heißt es: