Von Horst Bieber

Vierzehn Monate nach dem Sturz der fünfzig Jahre alten Diktatur hat El Salvador wieder einen Präsidenten: Am Wochenende übernahm der Christdemokrat José Napoleon Duarte das höchste Staatsamt des mittelamerikanischen Zwergstaates. Vierzehn Monate nach dem Aufstand junger Offiziere gegen die Herrschaft der sogenannten "14 Familien" steht damit fest, daß die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung künftig Vorrang haben wird. In dem langen Machtkampf zwischen Reformern und Konservativen haben damit die alten Kräfte gesiegt – vorerst zumindest. Denn die Opposition hat unmittelbar nach der Auflösung der fünfköpfigen Junta und der Ausbootung des auf demokratische und soziale Reformen drängenden Obersten Adolfo Arnoldo Majano zur "Entscheidungs-Aktion" aufgerufen.

Ob es damit zur letzten Schlacht in den seit Monaten währenden Kämpfen kommt, ist ungewiß. Dagegen bestünde über den Ausgang kaum ein Zweifel: Die Freischärler sind im Verhältnis eins zu drei unterlegen; ihnen fehlen schwere Waffen, der Nachschub an Gewehren und Munition fließt nur spärlich. Nach dem Friedensvertrag zwischen El Salvador und Honduras, der den "Fußballkrieg" von 1969 auch diplomatisch beendete, kontrolliert das Militär beider Staaten zudem jene bisher waffenfreie Zone entlang der Grenze, die der Guerilla zuletzt als Rückzugsgebiet diente.

Ein militärischer Sieg würde freilich keines der Probleme lösen, unter denen El Salvador seit Jahren leidet. Nach dem unblutigen Putsch vom Oktober 1979 hatte eine Junta von Offizieren und Militärs weitgehende Reformen durchgesetzt: Verstaatlichung der Banken und des Außenhandels, Aufteilung der großen Landgüter zugunsten landloser campesinos. Doch zu keiner Zeit bekam die Junta die Rechtsextremisten und jene Teile des Militärs in den Griff, die sich der friedlichen Revolution widersetzten. Im Gegenteil: diese erhielten von einigen Junta-Mitgliedern meist heimliche, gelegentlich offene Deckung, so daß die Glaubwürdigkeit des Kollegiums noch rascher verflog als ihre Gemeinsamkeiten. Auf den rechten Terror folgte linker Terror; immer mehr Gruppen verließen das Lager der Junta und schlossen sich der linken Opposition an, die heute bis weit in die liberale Mitte reicht.

Gespräche zwischen der Junta und linken Politikern unterband die Rechte auf bewährte Art: Sie entführte und ermordete sechs Vertreter der "Demokratischen Revolutionsfront". Gut eine Woche später überfielen Unbekannte drei Nonnen und eine Sozialarbeiterin aus den Vereinigten Staaten. Dieser vierfache Mord zwang Washington, das trotz vieler Bedenken die Junta bis zuletzt unterstützt hatte, seine Haltung zu präzisieren. Die Vereinigten Staaten entschieden sich für eine starke Regierung.

An der Spitze steht jetzt Christdemokrat Duarte, Führer der rechten christdemokratischen Rumpffraktion, der bei den Wahlen 1972 von den Militärs um die Präsidentenschaft betrogen worden war. Sein Vertreter ist Oberst Jaime Abdul Gutierrez, Sprecher und Platzhalter der konservativen, nationalistischen Militärs, jetzt auch Oberbefehlshaber, der seinen liberalen Putschgenossen Majano aus der Führung verdrängt hat. Die beiden zivilen Mitglieder der Junta wurden auf undankbare und einflußlose Ministerposten abgeschoben; der starke Mann im Hintergrund, Verteidigungsminister Garcia, blieb im Amt. Mit Duarte und Gutierrez versteht er sich so gut, daß Kritiker ihnen bereits den Namen "unheilige Trinität" verpaßt haben.

Majanos Sturz war allerdings nicht nur die Folge einer Machtintrige. Bereits Anfang Dezember hatte ihm die Mehrheit der salvadoranischen Offiziere das Vertrauen entzogen. Der Mord an den vier Amerikanerinnen und das Eingreifen Washingtons, ohne dessen Finanzhilfe der bankrotte Staat nicht überleben kann, boten nur den letzten Anlaß, den im Offizierkorps verhaßten Mann auszuboten.