Clarissa runzelte die Stirn. „Er schreibt nicht auch, er ist ein Dichter. Dichter genauso wie er Maler ist!“ „Eine Doppelbegabung also“, stellte Fräulein Unschlitt fest. Das genügte Clarissa nicht. „Er ist ein Brunnen mit zwei Wasserspeiern. Die Stadt ahnt ja nicht, was sie an ihm hat!“

Und dieses Land offenbar nicht, was es an dem hat, der in diesen Tagen seinen 67. Geburtstag feiert und in diesem Herbst seinen ersten Roman veröffentlicht hat:

Fritz Graßhoff: „Der blaue Heinrich“, Roman; Nymphenburger Verlagshandlung, München, 1980; 422 S., 34,– DM.

Ein eigenes Porträt: „Aufgewachsen zwischen Koksbergen, Bumskneipen, Schlägern und entsprechendem Damenflor. Gegen seinen Willen das Abitur. Kirchenmalerlehrling, Journalist. Bezog nach dem Krieg und Gefangenschaft in Celle eine Zelle, etwa dem Zuchthaus gegenüber. Lebt jetzt in Zwingenberg/Bergstraße.“

Wer kennt nicht seine freche Lyrik, die „Halunkenpostillen“, deren erste nun ins 34. Jahr geht – man merkt es ihr nicht an. In Songs und Balladen hat er längst bewiesen, daß er sich versteht auf die Kunst und den Menschen, seine Lust und seine Lüste, Witz und Trauer genauso kennt und seine Ahnen im Geiste hat er geschrubbt, daß sie wie neu aussehen von Catull bis Bellman, dem barocken Schweden. „Am Rande“, sagt er von sich, „ich befuhr die Sexwelle schon, als das noch nicht zum guten Ton gehörte.“ So hat er seine lockeren Verse und noch loseren Zeichnungen in den Muff der Aufbaujahre geschleudert.

In seinem ersten Roman, einem saftigen Happen Prosa in gesalzener und gepfefferter Sprache, erzählt Graßhoff in einer kunterbunten Collage von Ich-Berichten, die Kreuz- und Querzüge eines, der nicht gefragt wird, und nicht immer gefragt ist. Witzig und weise wird beschrieben, wie man so durchkommen kann durch die finsteren und manchmal helleren Zeiten dieser Tage. Kein gerader Handlungsfaden wird gestrickt, kein Zettelkasten geplündert, sondern dieser Maler Grimmelshausen entrollt seinen Bilderbogen und schickt voller List und Lust den Leser auf eine simplicianische Odyssee, durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre.

Am Anfang ist – der Schal: lila-gelbkariert aus schottischer Wolle, einsfünfzig lang und gut eine Spanne breit. Geklaut vom Hals einer Puppe aus dem Schaufenster von „Elegance et Mode“ in Lille, eine Eroberung auf dem Vormarsch zum deutschen „Endsieg“. Der Plünderer aus Liebe heißt Heinrich Blaue, Gefreiter, stets Mann der Musen, Maler, Dichter, Schlagertexter, Dünnscheißer und Pissoir-Vorsteher, Liebhaber und Ehemann, Angsthase und Schlauberger, Ich-Erzählerund Erzähler-Ich, frech, schnoddrig, sentimental, ein Mensch und Künstler, Lebenskünstler jauchzend und betrübt.