Von Ernst Hess

Zwischen Martigny und Verbier kennt man Roland Collombin noch. Polizisten tippen höflich an die Mütze, wenn der gelbe Porsche durch die engen Straßen röhrt, beifälliges Gemurmel füllt die Gaststuben, wenn der untersetzte Bauernsohn ins Lokal kommt. Doch die Zeiten, da Photographen und Fernsehleute dem Schweizer Skiheros auf Schritt und Tritt folgten, als vor allem die Spalten der Boulevard-Presse voll mit Abenteuern Collombins waren, sind nun endgültig vorbei.

Vor sieben Jahren beherrschte der damals 22jährige Naturbursche die Abfahrtspisten zwischen Kitzbühel und Jackson Hole; selbst der große Bernhard Russi mußte sich Collombin beugen. Erst zwei fürchterliche Stürze in Val d’Isère stoppten den Siegeszug des Wallisers, dem Rollstuhl entging er mit knapper Not.

Heute führt Roland Collombin ein eher beschauliches Dasein als Skilehrer in Verbier. Wichtig ist für ihn jetzt, daß der korpulente Fabrikant aus Dortmund endlich den Talski belastet, daß die kleine Japanerin Mishimi nicht aus dem Schlepplift fällt. „Ich bin zufrieden“, sagt „La Colombe“, wenn er nach Dienstschluß die Bretter an die Wand stellt und mit Freunden bei „Pascal“ bechert. Doch die scheinbare Gelassenheit ist mühsam angelernt.

Mag sein, daß ein Skikurs bei Roland Collombin, einen gewissen Prestigewert besitzt. Wer den Silbermedaillengewinner von Sapporo einmal live sah, wie er am Lauberhorn die Konkurrenz in Grund und Boden fuhr, dem bleibt die sportliche Tragik nicht verborgen.

Kometenhaft wie der Aufstieg des Rennläufers aus dem benachbarten Versegeres war auch der Sprung Verbiers zur Schweizer Skistation Nummer eins. Die Zahlen im offiziellen Prospekt des Walliser Retorten-Dorfs lassen fast Druckfehler vermuten: 34 Bahnen mit einer Stundenkapazität von 18 000 Personen führen zu 120 Kilometern präparierter Pisten. Nimmt man alle Hotels, Chalets und Pensionen, dann verkraftet Verbier nicht weniger als 25 000 Gäste. Zum Glück ist die sonnige Schneeterrasse über dem Rhonetal so geräumig, daß Abfahrten durch unberührten Tiefschnee während der gesamten Saison möglich sind – vorausgesetzt, es schneit. Der Skizirkus findet inzwischen in einer Arena statt, die den Vergleich mit den französischen Giganten Lac de Tignes oder Courchevel/Meribel längst nicht mehr scheuen muß. Über Lac des Vaux und Tortin ist Verbier an die Schneewüsten Nendaz und Thyon 2000 gekoppelt, der ganze Superlativ nennt sich „Les 4 Vallées“. Zur Rhone hinunter grenzen die pittoresken Bergdörfer Veysonnaz, Haute Nendaz und La Tzoumaz den Pistenzirkus ein, im Südwesten liegen die grünen Gletscher des Grand Combin. Atemberaubend auch die abendliche Abfahrt vom Col des Mines, wenn die Sonne mit ihren letzten Strahlen Mont-Blanc-Massiv und Großen Sankt Bernard aprikosenfarben leuchten läßt.

Die Schweden waren die ersten, die Verbier entdeckten und jahrelang fest im Griff hatten. Doch die Skandinavier ziehen sich nach und nach zurück, teutonischer Lärm und Schweizer Preise vertrieben sie in andere Reviere. Deutsche Kennzeichen dominieren jetzt auf dem großen Parkplatz am Ortseingang, wohin die Walliser Polizei rigoros jedes falsch geparkte Fahrzeug abschleppen läßt. Für 80 Fränkli erhält man sein Auto zurück, Haß im Herzen und keine Chance, einen besseren Stellplatz zu finden. Insider lassen ihr Auto daher während des gesamten Urlaubs von der Polizei bewachen und löhnen das Bußgeld erst am Abreisetag.