Die portugiesischen Sozialdemokraten haben den neuen Ministerpräsidenten bestimmt: Franciso José Pereira Pinto Balsemão, 43 Jahre alt, Jurist, Verleger und seit Januar „Minister beim Ministerpräsidenten“,

Pinto Balsemāo gehörte, wie sein Freund, der tödlich verunglückte Regierungschef Garneiro, 1974 zu den Mitbegründem der Sozialdemokraten. Zusammen hatten sie unter dem letzten Diktator Caetano im Parlament technokratisch-liberale Opposition betrieben.

Im Jahr vor der Revolution gründete Pinto Balsemão die Lissabon er Wochenzeitung Expresso, die unbeirrt einen liberalen Kurs beibehielt. Aus dieser Zeit verfügt der neue Mann über viele Kontakte im rechten und linken Lager, von allen geachtet, „ein Mann ohne persönliche Feinde“, gerühmt wegen seiner Konzilianz und Kompromißbereitschaft und, anders als Sã Carneiro, wegen seiner Bereitschaft, politische Gegner zu versöhnen.

Politisch gilt Pinto Balsemão als der „einzige Sozialdemokrat“ (nach bundesrepublikanischen Maßstäben) in seiner Partei. Dem wohlhabenden und geistig wie materiell unabhängigen Politiker traut man zu, zwischen Regierungskoalition und Präsident zu vermitteln; er hat nie ein Hehl daraus gemacht – und sich entsprechend zurückgehalten –, daß beide Machtzentren einen Ausgleich suchen müssen und finden können.

Pinto Balsemão hat mehrere schwierige diplomatische Missionen erledigt, er kennt Afrika und die arabischen Städten gut und bringt einen Hauch von Weitläufigkeit mit, der angesichts der lusitanischen Nabelschau Lissabon nur nutzen kann,

In der Sache, wird er den Kurs seines Vorgängers kaum ändern: mehr Markt, mehr Privatwirtschaft. Horst Bieber