Solange die größte fremdsprachige Minderheit in Deutschland, die bald zwei Millionen Türken, sprachlos bleibt, können wir diese Mitbürger nicht kennenlernen, können wir sie, wie einer der nach Berlin eingeladenen türkischen Gäste sagt, „nicht mögen“.

Um so wichtiger eine Initiative wie das „Deutsch-türkische Autoren treffen“, zu dem das Literarische Colloquium Berlin eingeladen hatte. Michael Krüger hatte dieses Projekt letztes Jahr während einer Veranstaltung des Goethe-Instituts Istanbuls angeregt und dessen Leiter, Eckart Plinke, hat es, was die „türkische“ Seite betrifft, unter großen Schwierigkeiten durchgesetzt. Von deutscher Seite hatte sich das Projekt trotz des schweren Unfalls, den der Leiter des Literarischen Colloquiums, Walter Höllerer, in der Vorbereitungszeit erlitt, immerhin aufrechterhalten lassen.

Daß diese wichtige Veranstaltung unter allseitigen tapferen Danksagungen überhaupt zu Ende gebracht werden konnte und nicht bereits am ersten Tag in einem Skandal platzte, ist ein kleines Wunder, das wohl der verzweifelten Gutwilligkeit aller Beteiligten, vor allem aber der geradezu beschämenden Großzügigkeit der türkischen Gäste zu verdanken war, die ihre bitteren Gefühle bis zum Schluß zurückhielten und sich in bewundernswürdiger Manier dem konstruktiven Aspekt ihres Berlin-Aufenthalts widmeten.

Sie waren Unzumutbarkeiten ausgesetzt – wie alle Türken in diesem Land:

  • Fast kein deutscher Autor hatte es für nötig oder gar interessant befunden, an dieser Veranstaltung teilzunehmen oder – dies an die Adresse der zahlreichen Berliner Autoren – das Symposium auch nur durch eine Stippvisite zu beehren. Nur zwei Autoren beantworteten Walter Höllers Einladung an „alle“ wenigstens durch ein paar schriftliche Worte der Entschuldigung und der Ermunterung.

So saß mehr als ein Dutzend namhafter türkischer Schriftsteller an einem Tag dem Autor Richard Anders, am anderen Peter Hamm und zum Schluß den Schriftstellern Joachim Uhlmann und Richard Anders gegenüber. Ein Häuflein geladener Turkologen, ein paar Interessierte und Mitarbeiter des „Literarischen Colloquiums“ vermochten nur bis zur peinlichen „Vorstellung der deutschen Kollegen“ durch Eckart Plinke den Anschein eines gewissen Zulaufs solcher „Kollegen“ zu erwecken.

  • Der für Literatur zuständige Mann der Berliner Kulturbehörde (es gibt ihn) hielt es nicht für nötig, den sehr informativen Veranstaltungen am Wannsee auch nur eine Stunde seiner Arbeitszeit zu opfern.
  • Unser Land und die Stadt Berlin, die seit Jahrzehnten an der billigen türkischen Ware Arbeitkraft verdienen, haben „kein Geld“, um vier Tage lang einen Simultandolmetscher zu bezahlen. Die Knochenarbeit fast pausenlosen Übersetzens übernahm ein türkischer Gast, die Autorin Tezer Kiral, bis zur psychischen und physischen Erschöpfung.