Danach befragt, welche drei Bücher es seines Erachtens wert seien, der Vernichtung zu entgehen, begibt sich der Weise zum Zeitschriftenkiosk um die Ecke und beginnt, in der Auslage zu wühlen.

Ulrich Horstmann

Der Aphorismus, der hier als Motto dient, findet sich in einer der kleinen Literaturzeitschriften, von denen der Briefkasten zum Jahresende so klemmvoll ist, daß es Neugier und Aufräumen zugleich bedeutet, wenn einige davon diesmal Thema sind.

Dieser Aphorismus aus dem Schreibheft 14 ist aber nicht deshalb Eröffnungstext, weil er die Kolumne wie ein Apropos einleitet, sondern weil er für viele Arbeiten in diesen letzten Heften des Jahres 1980 charakteristisch ist: Für die Neigung zur epigrammatischen Kürze, zur Parabel, zur poetischen Polemik, zum zärtlichen Warnsignal einerseits; und andererseits für das Unvermögen, dieser Neigung mit wirklichem Klartext, mit genauer, griffiger Sprache nachzukommen. Allzu oft schießen Papiergirlanden, Bürokratiefloskeln, sprachliches Gewohnheitsunrecht, mitunter auch simple Unbeholfenheit in Gedichte, Berichte, Geschichten ein, und je minutiöser sie sein wollen, desto krasser. Einen Weisen zum Beispiel, der eine Antwort „seines Erachtens“ geben soll, hat es in der deutschen aphoristischen Literatur (von Abraham Gotthelf Kästner bis zu Hans Kudszus, von Nietzsche bis zu Hermann Schweppenhausen noch nicht gegeben, und auch nicht eine Pointe wie die, daß einer mit sarkastischer Sicherheit zum Kiosk geht, um dann doch nur wie ein kulturkritisches Greenhorn „in der Auslage zu wühlen“.

Wir wühlen nicht, wir wählen. Wir halten uns an fünf erste Hefte, die im letzten Vierteljahr erschienen sind und deren Titel ebenfalls die Tendenz zum Unaufwendigen, zur (wenn auch vielleicht pretiösen) Nüchternheit und – in einem Falle – zu einer neubackenen Biedermeierlichkeit bezeugen: Das Tintenfaß, Apropos, Lesezeichen, Anachronistische Hefte und schlicht das heft. Solche ersten Nummern bieten ja, über den Inhalt hinaus, einen besonderen Reiz, eine Extra-Lektüre in den Texten, mit denen sie sich vorstellen; dieser Einfädelungskunst gilt denn auch unsere besondere Aufmerksamkeit.

das heft ist eine Zeitschrift, die vom Institut für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Köln herausgegeben wird; sie wendet sich weniger in deutscher Sprache als im Institutsjargon an den Leser, wenn sie die „Revision von Bekanntem“ zu ihrer Aufgabe macht: „Sie darf sich demgemäß nicht auf zugewiesene Areale und Disziplinen beschränken, sondern muß die Funktion erfüllen, grenzüberschreitend die Gemeinsamkeiten und Unterschiede angestammter Disziplinen aufzuspüren, um Interdisziplinarität oder zumindest Multidisziplinarität zu fördern.“

Die Kölner Schwierigkeiten mit der Sprache sind so groß, daß sie sogleich zur Thematisierung taugen. Eine längere Passage mit dem Titel „Frühstück“ wird umweltfreundlich angekündigt: „Karl Helmut Karst konzipierte den folgenden Text im Anschluß an die Beschäftigung mit der ‚Sprachskepsis als Grundlage zeitgenössischer Literaturtheorien‘ und betrachtet ihn als mittelbaren Ausdruck einer wissenschaftlich-literarischen Rezeptionshaltung.“