Von Hans C. Blumenberg

Wir haben versucht, die Welt als „die Gesellschaft“ zu begreifen (und das ist auch ganz richtig); aber wir sind, indem wir diesen Begriff zu leben versuchten, unter den Einfluß der Melancholie geraten, welche der gesellschaftliche Prozeß, indem er „Gesellschaft“ als Allgemeines durchsetzt, bei ihren Trägern hervorbringt. Um noch Leben zu empfinden, müssen wir uns träumerisch in die Bilder auflösen, welche der technische Apparat des Kinos von der Welt erzeugt, Bäder jenseits von Bedeutung, in deren Milieu auch die Trümmer der Tradition aufhören mögen, uns schmerzlich daran zu erinnern, daß sie Trümmer sind.

Michael Rutschky, „Erfahrungshunger“

Damals, als die Mädchen noch kurze Röcke trugen und die Jungen lange Haare, reichte die Kino-Sehnsucht bis nach Kalifornien. In Schwabing hatten sie Hollywood entdeckt, um 1966, wie vor ihnen die Franzosen. Für die kleinen Godards von der Leopoldstraße, die Filmkritiken schrieben und ihre ersten Kurzfilme drehten, bedeutete das Kino: ein Leben. Mit dieser Formel begrüßte Alf Brustellin den ersten langen Film seines Freundes Rudolf Thome. Der hieß „Detektive“ und hatte eine so komplizierte Fabel, daß man die Liebe des Regisseurs zu Howard Hawks, Humphrey Bogart und „The Big Sleep“ leicht begreifen konnte. Es ging um Liebe und Verrat, Geld und Tod. Die Kamera (CinemaScope, Schwarzweiß) führte einer namens Niklaus Schilling. Eine der acht Hauptrollen spielte Chrissie Malberg, von der man mehr hörte, als sie Uschi Obermeier geworden war und mit der Kommune I umging.

Es schien sicher, daß aus Rudolf Thome, der 1962 als Student nach München gekommen war und gleich begonnen hatte, Filmkritiken für die Süddeutsche Zeitung zu schreiben, ein Großer werden würde.Schon sein zweiter Film “Rote Sonne“ (1969), löste fast maßloses Lob aus, und das von einem Autor, der später, als er Peter Handke seinen Freund nennen durfte und selber eine beträchtliche Berühmtheit erlangte, alle Kritiker-Superlative sehr ausdrücklich verachtete. Wim Wenders schrieb über „Rote Sonne“: „Dies ist der erste deutsche SPIELfilm. Mit diesem Film beginnt tatsächlich ein neues Genre... ‚Rote Sonne‘ ist ein Film, von dem man kaum glauben mag, daß er in Deutschland gedreht worden ist. Und solche Dialoge hat man im Kino bislang auch nur in Filmen von Howard Hawks gehört.“ Ein richtiger SPIELfilm.“

„Rote Sonne“, ein Film mit starken Farben, gedreht in München und am Starnberger See, geschrieben von Max Zihlmann, handelt von vier Mädchen, die ihre Liebhaber spätestens am fünften Tag der Bekanntschaft töten. Uschi Obermeier, in die sich Thome während der Dreharbeiten heftig verliebt hatte und deren lange Beine er ausführlich vorkommen läßt, faßt aber ein starkes Gefühl für Marquard Böhm (der in den drei ersten Thome-Filmen der Star ist). Am Ende erschießen sie sich gegenseitig. Ein Liebestod, ein Kinotod.

Wim Wenders arbeitet heute in Hollywood. Rudolf Thome lebt in Westberlin, Bezirk Kreuzberg, Fidicin Straße, dritter Hinterhof links, Parterre. Von dort führt kein Weg nach Beverly Hills. Rudolf Thome ist heute 41 Jahre alt. Er hat gerade seinen achten Spielfilm gedreht: „Berlin Chamissoplatz“. Er ist noch immer fasziniert von radikalen Gefühlen, aber anders als damals in Schwabing. Ich wage einen radikalen Satz: „Berlin Chamissoplatz“ ist das erste Meisterwerk des deutschen Kinos der achtziger Jahre. Bei den Hofer Filmtagen wurde „Berlin Chamissoplatz“ ausgebuht. Die Kritiken waren garstig bis lauwarm. Einer schrieb von Thomes „möglicherweise schmalem Talent“. Sind denn die Leute blind?