Von Luis Murschetz

Es ist wie beim Blindekuh-Spiel: Unsere Boeing kreist ein paarmal über Tanger und landet im Dunkeln. Von da an ist für mich Süden im Norden und Westen im Osten. Zwei Wochen lang werde ich hier auf Schritt und Tritt Navigationsprobleme haben.

Auf der folgenden nächtlichen Busfahrt verstellt sich der innere Kompaß um eine weitere unbekannte Anzahl von Graden. Rund um die Bucht geht die Fahrt, von Hotel zu Hotel. Die späten Ankömmlinge werden gemäß ihren Buchungen ausgesetzt.

Die Busbesatzung ist unerwartet groß. Da ist der Reiseleiter, der uns freundlich willkommen heißt, der Fahrer, sein Assistent, der die Feststellbremse bedient, und eine Anzahl Springer und Läufer, letztere im Rollkragenpullover, die Wollhaube über die Ohren gezogen, denn sie haben mit der Nachtluft Kontakt. Sie springen ab, geben Halte- und Abfahrtsignale, preschen voraus, öffnen Schranken und Zäune und bergen gewiß auch herabfallende Gepäckstücke. Es ergibt sich, daß wir die meisten Nachtportiers dieser Region kennenlernen.

Die Stimme, die uns frühmorgens im Hotel „Rif“ weckt, ist nicht die Stimme des Muezzin, es ist die Stimme einer schweren Diesellok der Bahnlinie Tanger–Casablanca, die mit grellen Trompetenstößen ihren Dienst antritt.

Zwischen Hotel und Strand liegt eine doppelspurige Palmenchaussee, dann kommen die Bahngleise und ein Kordon Händler. Der Strand ist bevölkert von ein paar hundert einheimischen Dribbelkünstlern. Es ist der pralle Orient, der sich dem Blick des Bewunderers bietet, der bald seine Schritte zur nahen Altstadt hin lenkt.

Berstende Geschäftigkeit auf den Straßen. Die Bauern bringen ihre Waren, Kauflustige kommen in lehmverkrusteten Autobussen; in den Bergen muß Regen gefallen sein. Ein Pulk Ziegen wogt in der Menge bald in diese, bald in jene Richtung. Der Hirte scheint auf dem Weg zu einem neuen Weideplatz die Abkürzung über den Markt gewählt zu haben.