Günter Gaus – ein Paradiesvogel kommt in den Dschungel

Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Dezember

Willy Brandts Ruf nach Peter Glotz hat den Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe sozusagen auf dem linken Bein erwischt. Berlin hat mit den von außen geholten Intellektuellen, die dem Senat Farbe und Brillanz geben sollten, selten Glück gehabt. Diese sogenannten Paradiesvögel, ob sie nun Karl Schiller, Adolf Arndt oder Jürgen Baumann hießen, wollten mit den Niederungen der Kommunalpolitik im Grunde nichts zu tun haben. Berlin verdankt ihnen einiges, aber ihre Verwaltung hatten sie selten im Griff.

Wissenschaftssenator Peter Glotz war nicht so einer. Er ist sich für die Basis nicht zu fein, für die vergnügliche Kontroverse nicht zu sozialistisch, er versteht viel von seinem Fach und ist bei alledem auch ein geduldiger Behördenchef. Sein Wechsel auf den Stuhl des Bundesgeschäftsführers der SPD wird selbst von der CDU als ein Verlust für Berlin empfunden.

Und nun kommt wieder ein Mann nach Berlin, den viele sozialdemokratische Genossen als reichlich exotisch empfinden werden. Günter Gaus, einst Spiegel-Chefredakteur, seit Jahren Bonns Mann in Ost-Berlin, nun als Nachfolger von Glotz Senator für Wissenschaft und Forschung? Manchem Politiker in Berlin erscheint dieser Kandidat wie eine Verlegenheitslösung, die Stobbe noch etwas Zeit für eine fällige Senatsumbildung läßt. Und manchem Kommentator will die Zusage von Gaus nur unter dem Aspekt einleuchten, daß er sich Hoffnung machen könnte, an Stelle eines müde gewordenen Stobbe in zwei Jahren gegen Richard von Weizsäcker und eine neuformierte, alerte CDU in den Wahlkampf zu ziehen.

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