Fällt der Parteivorsitzende seinem Rivalen Deng zum Opfer?

Von Karl-Heinz Janßen

Nun zählen sie wieder, die Tage. Die westlichen Korrespondenten in Peking sind, mangels zureichender Informationen, zur modernen Art des Kaffeesatzlesens zurückgekehrt, wie sie in den meisten kommunistischen Staaten ohnehin noch im Schwange ist! Aus Rangordnungen bei öffentlichen Auftritten der Führungscliquen, aus dem Schweigen über bestimmte Persönlichkeiten schließen sie auf veränderte Hackordnungen und, auf Machtkämpfe hinter den Kulissen. Am dritten Advent kam Hua Guofeng, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas und Nachfolger Mao Tse-tungs, in die Schlagzeilen der Weltpresse, nicht weil er von sich reden machte, sondern weil er eben nicht mehr redete.

Zum letztenmal in der Öffentlichkeit gesehen wurde Hua am 25. November bei einem eher nebensächlichen Ereignis – damals empfing er die Frau des somalischen Staatspräsidenten. Aber als der immer noch oberste Führer Chinas wirklich zur Stelle hätte sein müssen, fehlte er: Weder eine japanische Regierungsdelegation Anfang Dezember noch jetzt eine Abordnung der griechischen Kommunisten bekam ihn zu Gesicht.

An sich brauchte sich niemand darüber zu beunruhigen. Chinesen pflegen Unpäßlichkeiten ihrer Staatsmänner nicht an die große Glocke zu hängen. Aber beim Vorsitzenden Hua fiel es schwer, an einen Schnupfen zu glauben. Denn seit Monaten hatte er an Ansehen eingebüßt, mehr und mehr auch Kritik einstecken müssen, und schließlich waren seine Bilder in Amtsstuben, Schulen und Fabriken abgehängt worden. Am Sonntag kreisten plötzlich Gerüchte über seinen Rücktritt, ja sogar über seine Verhaftung um den Globus.

Wundern dürfen sich die chinesischen Informationspolitiker darüber nicht (wenn nicht sie selber es waren, die solche Gerüchte ausgestreut haben). Man erinnert sich: Mitte September 1971 verschwand Verteidigungsminister Lin Piao (immerhin Maos „Kronprinz“) von der Bildfläche, mit ihm fünf hohe Militärs, die zur Zeit als Verschwörer vor Gericht stehen. Es dauerte Wochen, ehe die schlimmen Vermutungen der Weltpresse durch die amtlichen Stellen nicht nur bestätigt, sondern an Dramatik noch übertroffen wurden.

Ähnliches geschah im Januar 1976: Damals hielt Deng Xiaoping, geschäftsführender Ministerpräsident und Anwärter auf die Nachfolge Maos, die Trauerrede an der Urne Tschou Enlais. Hinterher ward er nicht mehr erblickt, bis nach einigen Wochen unversehens der Sicherheitsminister Hua Guofeng als neuer amtierender Regierungschef auftrat. Von Deng hörte die Welt erst wieder, als er nach dem Volksaufstand vom 5. April 1976 all seiner Ämter enthoben und gleichzeitig Hua zum Ministerpräsidenten und zum Ersten Stellvertreter Maos ausgerufen wurde. Was wirklich hinter den Mauern der verbotenen Stadt passiert ist, weiß das chinesische Volk bis heute nicht. Hat der halbgelähmte Mao tatsächlich, wie Hua später erzählte, ihm auf einem Zettel die Legitimation hingekritzelt: „Hast Du die Sache in der Hand, ist mir leicht ums Herz?“ Welche Rolle hat der Sicherheitsminister Hua bei der Niederschlagung des Aufstandes gespielt? Warum ließ er sich hinterher, bei der „Siegesfeier“, Seite an Seite mit Maos Frau Jiang Qing photographieren?