Zusammen mit einem Bekannten ging ich die Hamburger Mönckebergstraße hinunter. Vor einem großen Kaufhaus trafen wir auf einen Bettler, der seine Lage kurz und knapp auf einem Pappschild mitteilte: „Durch eigene Dummheit und Leichtsinn ohne Arbeit und Wohnung. Ich habe Hunger! Danke!“

Wie setzte es mich in Erstaunen, als mein Begleiter sofort stehenblieb und seine Geldbörse zog. So war er sonst nicht. Fremdes Leid ging ihm bisher nicht so nahe, daß es ihn spendabel machte. Doch jetzt erklärte er mir: „Ich kann dieses Leid nicht mit ansehen, ich bin nicht so, wie du glaubst. Jeder macht mal einen Fehler, Warum soll er sein Leben lang dafür büßen?“

Er hatte derweil seine Börse geöffnet, griff ein Zwei-Mark-Stück, legte es nach kurzem Zögern zurück, um statt dessen ein Fünf-Mark-Stück in die bereitgestellte Blechdose klimpern zu lassen. Ein dreifaches „Danke!“ entschädigte seinen Großmut.

Welches Phänomen hatte diesen Sinneswandel bloß herbeigeführt?

Stunden später ging ich denselben Weg zurück und beobachtete mit Staunen aus einiger Entfernung, wie hilfsbereit doch die Menschen sein können. Bei „unserem“ Bettler klingelte es dauernd in der Dose. Er hatte mich offenbar wiedererkannt und winkte mich freundlich heran: „Sie sind gegen mich, stimmt’s?“ – „Nein“, beeilte ich mich zu sagen, „ich war nur über meinen Bekannten verwundert, der ...“ – „... der gegeben hat. Und noch dazu fünf Mark.“

Der Bettler klärte mich auf: „Ich bin ehrlich, ich habe nirgends gelogen. Ich bin ohne Arbeit und ohne Zuhause, aber es geht mir nicht schlecht. Wer zu etwas kommen will, muß die Menschen beobachten. Was ihnen die Tasche öffnet, ist die Selbstbezichtigung, die Erniedrigung, der moralische Kniefall. Das wahre Leid rührt niemanden mehr. Wer sieht noch hin, wenn einer seine Beine abschnallt und seine Stümpfe zeigt! Niemand, sie sehen zur anderen Seite. Was sie benötigen, ist der Mensch, der ihnen in seiner moralischen Minderwertigkeit das Maß gibt, an dem sie ihre eigene Tugendhaftigkeit messen können. Sehen Sie, nichts weiter tue ich. Eine moralische Hure; aber ich lasse mich bezahlen, sehr gut bezahlen.“

Es klingelt schon wieder in der Dose. „Danke“. Er entleert die Dose, denn es darf nicht zuviel Geld drin sein. „Das Gefühl des Der-hat-ja-genug, verstehen Sie?“