Von Ossip K. Flechtheim

In den 50er und 60er Jahren herrschte in der Futurologie der größte Zukunftsoptimismus. Mit der Krise der 70er Jahre schlug die Stimmung radikal um. Um so gespannter ist man da auf differenziertere Darstellungen wie die von Alvin Toffler oder auch Robert Havemann. In dessen neuestem Buch:

„Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg – Kritik und reale Utopie“; R. Piper & Co. Verlag, München/Zürich 1980; 232 S., 18,– DM

wird das Ende unserer „wachstumsbesessenen industriellen Zivilisation“ am Beispiel des Rüstungswettlaufs und der Kriegsgefahr, der Verknappung der Rohstoffe und des Hungers in der Dritten Welt, der Bevölkerungsexplosion und des Kampfes um die Umverteilung der Reichtümer dieser Erde dargestellt.

Eine kapitalistische Wirtschaft im Gleichgewicht ist für Havemann undenkbar. – der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit würde dann allzu offensichtlich werden. „Ohne ständiges Wachstum ist der Kapitalismus zum Untergang verurteilt... Er ist am Ende. Seine Zeit ist abgelaufen.“ Im Gegensatz zu Harich meint aber Havemann, daß auch ein sogenannter realer Sozialismus „die Krisenicht abwenden kann“. Diesen charakterisiert er an einer Stelle als „sozialistischen Feudalismus“. Doch während der Westen noch kapitalistisch und kaum noch demokratisch sei, sei der „reale Sozialismus“ immerhin weiter auf dem Weg zu Sozialismus und Demokratie als die bürgerliche Gesellschaft. Daher solle die Opposition in der DDR „nicht der Partei entgegentreten, sondern in ihrem lebendigen Körper aktiv werden“ – durch Kampf für „massenhafte Ausbreitung der Diskussion über Demokratie und Sozialismus“.

Für den Westen erwartet Havemann hingegen alles von „Veränderungen in der Basis der Gesellschaft, die mit den Mitteln der öffentlichen Auseinandersetzung, der Aufklärung, der wissenschaftlichen Kritik, der Kunst und der Literatur, in allererster Linie aber mit der Macht der Gewerkschaften vorbereitet und durchgesetzt“ werden müssen. So geht Havemann kaum über Rosa Luxemburg hinaus. Uns scheint es heute – auch im Lichte der polnischen Ereignisse – so, als ob die strategischen Linien in Ost und West eher umgekehrt verlaufen müßten.

Durchaus originell sind die Vorstellungen Havemanns über die demokratisch-sozialistische Gesellschaft von morgen, wie er sie auf einer „Reise in das Land unserer Hoffnungen“, die er mit seiner Familie unternimmt, gewinnt. Diese Schilderung erinnert in ihrem Optimismus an die letzte große Utopie von Aldous Huxleys “Eiland“. Ähnlich zukunftsgläubig wie dieser schildert Havemann eine Gesellschaft, die auf der Synthese von Technik und Humanität beruht. Diese Gesellschaft zeichnet sich aus durch vollständig automatisierte Produktion, eine Weltsprache und die enorme Lebensdauer aller Produkte. An die Stelle von Staat und Regierung, aber auch von Privateigentum ist die Verwaltung von Sachen getreten. In 200 000 Kinderdörfern leben 750 Millionen Kinder und 400 Millionen Erwachsene als Erzieher, Lehrer usw. Das Wichtigste im Leben aller dieser Menschen aber ist – die Liebe. Ein unmögliches Modell, wird man sagen. Vielleicht! Aber spornt uns nicht das heute unmöglich Scheinende an, uns bis zur äußersten Grenze des Möglichen von morgen zu wagen?