Italiens Kommunisten haben sich öffentlich darauf festgelegt, mit Moskau zu brechen, falls die Sowjets die Reformbewegung in Polen ersticken sollten.

Schon am 3. Dezember hatte das KPI-Direktionsmitglied Napoletano für den Fall einer Intervention „nicht wieder gutzumachende Konsequenzen“ angekündigt – eine Formulierung, die auch in einem Rundschreiben der KPI an alle Parteiführungen Osteuropas enthalten war. Allein die Drohung mit Intervention sei eine „unannehmbare Begrenzung der Souveränität“ und jeder Kraftakt hätte verheerende Folgen nicht nur für Polen, sondern für die Idee des Sozialismus als solcher, für das Schicksal der demokratischen Kräfte in Europa und der Welt, für die Aussichten von Entspannung und internationaler Zusammenarbeit, so hieß es in einem Leitartikel des KPI-Organs Unita.

In diesem Sinne sprach Parteichef Berlinguer „freimütig“ am gleichen Tag in Rom mit dem sowjetischen ZK-Mitglied Sagladin, der am KP-Parteikongreß in San Marino teilgenommen hatte. Berlinguer ließ dabei keinen Zweifel, daß die KPI „alle Konsequenzen“ ziehen werde, wenn Moskau zuschlage. Doch Sagladin ließ sich nicht herbei, den Polen mehr als eine weitere Galgenfrist in Aussicht zu stellen.

Um so heftiger antwortete die italienische KP-Führung, als sie vom französischen KP-Chef Marchais letzte Woche beschuldigt wurde, an einer „Vergiftungskampagne“ teilzunehmen, indem sie an eine sowjetische Bedrohung Polens glauben mache. „Alarm und Sorge, die sie ausgedrückt haben, erscheinen um so berechtigter und begründeter angesichts der Angriffe und kampagnenhaften Töne, die vor allem in der tschechoslowakischen und der DDR-Presse erschienen und zum Teil von Sowjetischen Zeitungen übernommen wurden“, so beharrte ein offizieller KPI-Kommentar.

In Polen geht nach Meinung der italienischen Kommunisten die Bildung eines aus Partei, Kirche und neuer Gewerkschaft bestehenden „gesellschaftlichen Pluralismus“ vor, wie er ihren eigenen programmatischen Vorstellungen entspräche. Seine gewaltsame Vernichtung würde das endgültige Scheitern „eurokommunistischer“ Ideen heraufbeschwören, die als solche auch durch den Bruch mit Moskau kaum zu retten wären.

Schon jetzt macht in Rom die demokratische Linke darauf aufmerksam, daß Italiens Geschichte der letzten zehn Jahre anders verlaufen wäre, wenn die KPI ihre gegenwärtigen Einsichten schon früher so konsequent formuliert hätte.

Hansjakob Stehle (Rom)