In Jugoslawien ist nach Titos Tod eine Liberalisierung ausgeblieben. Die Partei bleibt auf autoritärem Kurs.

Die Hoffnungen der Intellektuellen auf eins liberale Öffnung in der Ära nach Tito wurden enttäuscht. Den Antrag des Schriftstellers Dobrica Cosic und des Philosophen Lubomir Tadic, eine marxistische Zeitschrift Javnost (Öffentlichkeit) zu gründen, lehnte das Informationsministerium ab. Javnost sollte die Gesellschaftskritik der Praxis-Philosophen fortsetzen. Die Partei stellte klar, daß sie ihren ideologischen Alleinvertretungsanspruch aufrechterhält.

Titos Nachfolger haben dessen autoritären Führungsstil übernommen. Sie teilen sich die Herrschaft nach einem Verfahren, das der greise Marschall noch persönlich ausgearbeitet hatte. Die Macht liegt beim Präsidium der Republik – in dem die Republiken und die autonomen Provinzen vertreten sind – und dem Parteipräsidium. Innerhalb der Führungsgremien wechselt der Vorsitz turnusgemäß. Die Kollektivität soll verhindern, daß ein einzelner Politiker die Macht an sich reißt. Ein charismatischer Führer, wie Tito es war, ist ohnehin nicht in Sicht.

Innerhalb der Belgrader Führung vertritt der Slowene Stane Dolanc am nachhaltigsten den harten Kurs. Sein Gegenspieler, der Kroate Vladimir Bakaric, ist krank und momentan ohne Einfluß. Bakaric hatte man noch am ehesten eine Revision der starren, antiliberalen Richtung zugetraut.

Bakaric trat auch für mehr Effizienz sowie besseres Management in der Wirtschaft ein und kritisierte die Einmischung der Partei in die Selbstverwaltung. Doch Dolanc und seine Anhänger lehnen jede „Systemänderung“ ab. Die kategorische Absage an Reformen überrascht, weil Jugoslawiens Wirtschaft dringend westliche Kredite benötigt. Doch gerade angesichts der Wirtschaftskrise will die Belgrader Führung keineswegs innenpolitische Experimente zulassen. -rl