Von Michael Jungblut

Die Ouvertüre haben Gewerkschafter und Arbeitgeber in den vergangenen Monaten schon gespielt. In dieser Woche beginnt mit der Veröffentlichung. der Forderungen, die die IG Metall in den einzelnen Tarifbezirken stellen will; der erste Akt; der Lohnrunde 1981. Wird es bei dem Stück, dessen Inszenierung beide Seiten mit großer Sorgfalt vorbereitet haben, zu dramatischen Höhepunkten kommen oder zu einem mehr oder weniger glücklichen Ende?

Auf alle Fälle wird der Abschluß in der Metallindustrie die Orientierungszahl für alle anderen Tarifverhandlungen im kommenden Jahr liefern, Dafür gibt es gute Gründe. Die Metaller sind die mit Abstand mitgliedsstärkste Gewerkschaft der Bundesrepublik. Sie arbeiten in einer Branche, die das Auf und Ab der Konjunktur besonders, deutlich widerspiegelt. Die Produkte dieses Industriezweiges müssen sich auf den Weltmärkten gegen die internationale Konkurrenz behaupten. Als noch die keinem Wettbewerb und keinem Arbeitsplatzrisiko ausgesetzten Beamten und Angestellten des Staates das Tempo der Lohnerhöhungen bestimmten, führte dies zu einem gefährlich großen „Schluck aus der Pulle“.

Wie groß der Schluck diesmal sein wird, glauben Kenner der Tarifszene angesichts jahrelanger Erfahrungen hochrechnen zu können: um fünf Prozent. Ob das Ergebnis schließlich um einige Zehntelprozente über oder unter dem arithmetischen Mittel aus Angebot und Forderung liegt, wird erkennen lassen, wer in der diesjährigen Lohnrunde am längeren Hebel sitzt.

Doch ehe das große Gefeilsche um Prozente und Zehntelprozente anhebt, sollte noch einmal daran erinnert werden, in welcher merkwürdigen Welt wir eigentlich leben. Da streiten sich die Experten eigentlich bloß noch darum, ob die gesamtwirtschaftliche Leistung im kommenden Jahr nur stagnieren wird – Nullwachstum wird das heute genannt –, oder ob mit einer realen Schrumpfung zu rechnen ist. Dennoch denken alle fleißig darüber nach, wieviel mehr sie im nächsten Jahr fordern wollen. Daß unter diesen Umständen der eigene Anteil am Volkseinkommen nur erhöht werden kann, wenn anderen sozialen Gruppen direkt oder auf dem Umweg über eine stärkere Inflation etwas weggenommen wird, liegt auf der Hand. Das ist ebenso eine Binsenwahrheit wie die Feststellung, daß nicht kürzere Arbeitszeit, sondern nur mehr oder produktivere Arbeit eine Steigerung des Lebensstandards ermöglicht. Doch derlei Feststellungen hört heute keiner, gern.

Dennoch läßt Bundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff in den letzten Wochen keine Gelegenheit verstreichen, die wirtschaftlichen facts of life unter das Volk zu bringen. Er bewegt sich dabei gleichsam, von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen. Den deutschen Arbeitnehmern schrieb er ins Stammbuch, daß sie wieder harter arbeiten müßten, wenn sie mit den Japanern mithalten wollten. Den Unternehmern macht er immer wieder klar, daß Protektionismus und die Bettelei um Subventionen keine Lösung ihrer Probleme bringt. Der Wirtschaftsminister prangerte jene Arbeitslosen an, die lieber, die Versichertengemeinschaft ausbeuten, als sich wieder in den Produktionsprozeß einzugliedern. Den Gewerkschaften bedeutete er, daß sie auf ihn nicht zählen, können, wenn sie die Montanmitbestimmung auch.solchen Unternehmen in alle Zukunft aufzwingen wollen, die nicht mehr die gesetzlichen Kriterien erfüllen. Schließlich versetzte Lambsdorff auch noch die Interessenvertreter des öffentlichen Dienstes in helle Empörung, als er empfahl, alle Einkommensaufbesserungen für die Staatsdiener um drei Monate hinauszuschieben.

Viele seiner Forderungen sind berechtigt, über andere läßt sich zumindest diskutieren. Graf Lambsdorff muß sich allerdings fragen, ob er weiter nach dem Prinzip „viel Feind, viel Ehr“ Politik treiben will. Denn wenn er schließlich alle gegen sich hat, werden seine Mahnungen im allgemeinen Protestgeschrei untergehen.