Von Gerhard Seehase

Yang Sun, der "stellungslose Flieger", sah – schlecht rasiert – immer noch so aus, als wäre er der Abiturientenklasse längst entwachsen. Der sanftmütige "Wasserträger" Wang blieb auch jetzt, nach der Vorstellung, bescheiden im Hintergrund. Und der ölige "Barbier" Shu Fu streckte mir, als sei er immer noch in seiner Bühnenrolle, gespielt herausfordernd das Kinn entgegen: "Uns hat’s jedenfalls Spaß gemacht." Dann kam sie, Shen Te, "der gute Mensch von Sezuan", ein hübsches Mädchen, selbstsicher und charmant. In ihrer schwierigen Doppelrolle hatte sie vier Stunden Bertolt Brecht unbeschadet überstanden. Der Beifall des Publikums in der ausverkauften Aula des Schorndorfer Burggymnasiums war hauptsächlich auf sie fixiert gewesen, minutenlang, wie im großen Theater.

Fühlt man sich da wie ein künftiger Star? – "Erst einmal kommt im nächsten Jahr das Abi", sagt sie, "und morgen ist Mathe dran."

Und übermorgen? Hat sie eine Karriere als Schauspielerin im Sinn? "Mal sehen", sagt Eva Spambalg, die Shen Te, "das ist noch offen." Der gute Mensch von Sezuan findet, wie im Brechtschen Stück, noch keine Antwort.

Theater der Schulen: Keine Bühne ist zu klein, kein Raum zu eng, kein Experiment unmöglich. Sie wagen sich auch an schwerste Stoffe heran und haben keinen Respekt vor großen Namen. Sie spielen vital, zuweilen frech; sie machen alle erdenklichen Fehler vom sprachlichen Patzer bis zur linkischen Geste – aber sie sind gefeit dagegen, daß ihr Spiel in Routine erstarrt.

Das deutsche Schülertheater macht von sich reden. In der Hamburger Markthalle fand eine Theaterwoche statt, in der sich 70 Schülergruppen mit insgesamt 1200 Mitwirkenden vorstellten: hundert Stunden Theater auf drei Bühnen. Für die erste Schultheaterwoche der Hansestadt Lübeck stellte sogar das städtische Theater seine Bühnen zur Verfügung: das Große Haus, die Kammerspiele, das Studio. Beim "Schülertreffen ’80" in West-Berlin spielten Gruppen aus dem gesamten Bundesgebiet.

Die Hamburger Lehrerin Hedda Steiner, seit zwanzig Jahren Leiterin der Theater-Arbeitsgemeinschaft des Blankeneser Gymnasiums Willhöden, sagt: "Es gibt Stücke, die ich mir lieber im Theater der Schüler als im Theater der Profis ansehe. Zum Beispiel die absurden Stücke von Ionesco oder Brechts Lehrstücke."