„Traumgefahr“, Gedichte von Ulrich Schacht. Dieser Lyriker träumt von einem Morgen, an dem die Menschen „gehen können –/aufrecht und im Licht“. Eine solche luzide Hoffnung nährt sich aus den Umständen einer DDR-Biographie: 1951 im Frauengefängnis Hoheneck in Sachsen als Kind deutsch-russischer Eltern geboren, stolperte Ulrich Schacht auf einem nicht gerade ebenen Berufsweg durch eine Bäckerlehre, eine Hilfspflegertätigkeit im psychiatrischen Bereich, ein Theologiestudium und ein paar andere Stationen zurück in die Gefängniswelt, aus der er kommt: „Die Herrschenden aber... ließen ihn verhaften. /Den,/der die Wirklichkeit/gefunden hatte...“

Aus dem „Sarg“ der Zelle gelangte der Autor, der 1973 zu sieben Jahren Freiheitsentzug wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt worden ist, drei Jahre später nach Westdeutschland. Schachts lyrischer Ton ist ernst, schwer, ein bißchen angestrengt, oft pathetisch. Viele Gedichte beziehen ihre Legitimation aus dem Leid und dem Zorn. Und der Spott – etwa über Brecht, „des Fabrikanten Sohn“, der als Dramatiker ein Nutznießer seiner Partei-Verbundenheit war – erklärt, sich aus einer moralischen Radikalität, die (wenn sicher auch anders als es seinen Erziehern vorschwebte) ein Produkt gesellschaftlicher Determinanten ist, welche wohl die sprachliche Sprödheit mitbestimmen, bei diesem Autor, der, zumindest bisweilen noch, um Worte ringt und es sich schwer tut mit dem poetischen Assoziieren und Imaginieren. (Neske Verlag, Pfullingen, 1981; 97 S., 16,80 DM.)

Hans-Jürgen Heise

3 x Anekdoten. – N. O. Scarpi, 1888 geboren und von Friedrich Torberg zum „König der Anekdote“ gekrönt, hat Berge einschlägiger Bände herausgegeben und muß wissen, wie man dergleichen produziert. Das Anekdotensammeln ist demnach eine „Tätigkeit, die im wesentlichen darin besteht, gestohlenes Gut mehr oder weniger umzuschmelzen, bevor man es weitergibt... Auch eine schwächere Anekdote wirkt, wenn man beginnt: ‚Talleyrand sagte einmal zu Napoleon...‘ oder ‚Bernard Shaw schrieb einer Dame...‘ Aber dazu gehört natürlich, daß man weiß, was Talleyrand gesagt und Shaw geschrieben haben könnte“. – Als Rezensent dreier Anekdotenbände lasse ich mir das nicht dreimal sagen und schere die drei schlampigen Schmöker selbdritt freudige über den gleichen (talmi-)goldenen Kamm: Anekdoten gehen immer, sagte Dieter Lattmann mit Blick auf „Das große Merian-Anekdotenbuch“, das auch nicht viel besser war als der unter Zeitdruck für Fischer zusammengekarrte Zettelkasten. Das hörte Bechtle und spie, beiden zuvorkommend, in fünfter Auflage „Das große Buch der Anekdote“ vor die Füße. Wer auf Authentizität keinen Wert legt und nur amüsiert die Zeit totschlagen will, greife zu diesen drei Wälzern: dick genug für einen Totschlag sind sie. Und: irgendeiner hätte, was drinsteht, irgendwann bestimmt (oder vielleicht) zu irgend jemandem so (oder anders) möglicherweise gegebenenfalls gesagt haben können. Oder? („Das Anekdotenbuch – Rund 4000 Anekdoten von Adenauer bis Zatopek“, herausgegeben von Dieter Lattmann; FT 2445, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt; 886 S., 16,80 DM. – „Das große Buch der Anekdote – Ernstes und Heiteres“, herausgegeben von Georg Niebling; 5., wesentlich erweiterte Auflage; Bechtle Verlag, Esslingen 42? S., r 24,– DM. – „Das große Merian Anekdoten-Buch“; Hoffmann & Campe, Hamburg, 1980; 331 S., 19,80 DM.)

Hanns-Hermann Kersten