Berlin: Stephen Willats – „4 Inseln in Berlin“

Ausgangspunkt von Stephen Willats’ Arbeit ist eine an Marx und Marcuse orientierte Theorie, die den „Determinismus“, das ist die Erscheinungsform eines autoritären Bewußtseins; als entscheidende politische Kraft nimmt. Das autoritäre Bewußtsein geht von gesellschaftlichen Institutionen aus und hat den Besitz, das Eigentum als Grundlage. Der Determinismus wird über Objekte (Satellitenstädte, Fernsehapparate) im Einbahnstraßensystem in den Alltag getragen. Indem Willats anregt, den Objekten eine ursprünglich nicht vorgesehene Funktion zu geben, sie zu „reorganisieren“, will er den Adressaten zur Aktivität ermuntern und den Determinismus aufheben; „Gegenbewußtsein“ ist das Ziel seiner Arbeit. Die Theorie ist einerseits nicht neu, hat andererseits einige Widerhaken und läßt sich in den Arbeiten nicht immer schlüssig – nachvollziehen; wichtiger ist, daß er seine Arbeiten mit bestimmten Menschen in konkreten Situationen entwickelt, diese Adressaten zu Mitarbeitern macht und einen Prozeß in Gang setzt, der beim Mitspieler – und dann bei einem breiteren Publikum – tatsächlich das erwünschte Gegenbewußtsein erzielen könnte. In Berlin, wo Willats als Stipendiat des DAAD-Künstler Programms zur Zeit lebt, hat er vier Arbeiten angefertigt, die sich mit Abhängigkeit (Hausmeister im Märkischen Viertel), Isolation (Einwohner der Gropiusstadt), Flucht (Schrebergärtnerin) und Passivität (Boutiquenbesitzerin) beschäftigen. Auf jeweils drei oder vier Tafeln werden mit Photos und Aussagen der Betroffenen typische, vom Determinismus bestimmte Situationen ihres Alltags dargestellt und mit jeweils einer Möglichkeit der Entwicklung und Gegenbewußtsein Möglichkeit Entwicklung Determinismus: Fernseher, keine nachbarschaftliche Kommunikation; Gegenbewußtsein: „Stellen Sie den Raum im obersten Stockwerk für jeden zur Verfügung“). Die Tafeln hängen jetzt nicht nur in der Nationalgalerie, sondern auch an ihren Zielorten, um die Betroffenen anzusprechen – ob es gelingt? (Nationalgalerie bis 25. 1. 1981, Katalog 10 Mark.)

Ernst Busche

München: „Hans Baschang, neue Zeichnungen“

In der ersten Ausgabe von „14 mal 14“, der Ausstellungsreihe, die Klaus Gallwitz 1968 in der Kunsthalle Baden-Baden startete, war Hans Baschang mit großformatigen Zeichnungen vertreten. Der 1937 geborene Künstler war damals schön kein Unbekannter mehr: Bei dieser Ausstellung, in der Arbeiten von Gerhard Richter, Georg Baselitz, Günther Uecker die Bandbreite möglicher Positionen markierten, fiel aber auf, daß seine eleganten und präzisen, mit unterkühlter Emotionalität ausgestatteten Darstellungen von Menschen, deren Bewegungen automatenhaft starr waren, sich nicht ohne weiteres von gängigen Strömungen vereinnahmen ließen. Baschang hat in den folgenden Jahren das Technoide seiner Figuren eher noch verstärkt. Die weitere Entwicklung blieb undeutlich, denn seit Mitte der siebziger Jahre beteiligte er sich nur noch sporadisch an Ausstellungen. Baschang hat 1975 eine Professur an der Münchner Kunstakademie übernommen, die ihn mit den Problemen seiner Schüler konfrontierte, ein Umstand, der ihn vielleicht zum Überdenken seiner Arbeit anregte. Die neuen Zeichnungen (1979/1980), weniger aggressiv als früher, zeigen einen Ausweg aus dem Dilemma, in dem die Jungen heute stecken. Baschang verknüpft in diesen Blättern Emotionalität und Rationalität, hier findet ein Feedback zwischen Kopf und Bauch statt. (Galerie am Promenadeplatz, bis zum 10. Januar 1981)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen