Noch vor zwei Jahren warnte die Wirtschaft vor einem Überangebot an Ingenieuren, heute sucht sie händeringend Nachwuchs. Doch nur „junge, kreative“ Leute sind gefragt

Von Franz Frisch

Für die Bildung unseres lieben und getreuen Bürgerstandes“ wollte Großherzog Ludwig in Karlsruhe sorgen. Und der gerade erst konstituierte badische Landtag sah in dem neuen, 1825 gegründeten Polytechnikum sogar eine „Pflanzschule für das Parlament“, in der auch Gesetzeskunde und Staatsrecht, Geschichte und Geographie und überhaupt alle Wissenschaften gelehrt werden sollten, „welche nicht rein doktrinär seyen“.

Die Deutschen hatten es damals bitter nötig, sich intensiv mit dem technischen Fortschritt auseinanderzusetzen und Ingenieure heranzubilden. Während alle Welt auf die emporstrebende englische Industrie blickte, galten sie bei ihren europäischen Nachbarn noch als faul und technisch völlig unbegabt. Was die deutschen Fürsten und ihre Untertanen damals am Beginn der neuen Zeit zu verhindern wußten – erleben wir es heute nach eineinhalb Jahrhunderten technischen und industriellen Aufschwungs? Verpassen wir jetzt den Anschluß an die moderne Technik? Beginnt die industrielle Revolution nun diejenigen aufzuzehren, die sie angefacht haben?

Nur schwer können sich die alten Industrieländer daran gewöhnen, daß sich die Arbeitsteilung in der Welt immer mehr verändert, daß sich die wirtschaftlichen Gewichte zum Teil in junge, aufstrebende Industrieländer verlagern und daß die Reichen künftig kaum mehr in Frieden leben können, wenn sie sich nicht um die Entwicklungsländer kümmern. Fabriken, die einst die alten Industrieländer stark gemacht haben, kommen heute mit der neuen ausländischen Konkurrenz nicht mehr zurecht. Einfachere Massengüter lassen sich eben anderswo ebensogut, aber für weniger Geld produzieren. Und der Transport fällt kaum mehr ins Gewicht. 27 Prozent ihres Bedarfs an Eisen und Stahl hat die Bundesrepublik im letzten Jahr importiert, bei Textilien waren es 37 Prozent, bei Chemieprodukten immerhin 23 Prozent.

Die Gehälter steigen kaum

Was den hochentwickelten Industrienationen zum Überleben bleibt, ist schon heute hart umkämpft: anspruchsvolle technische Produkte und Anlagen, zu deren Bau ein hohes Maß an Knowhow vonnöten ist. „Wir müssen unser Humankapital besser nutzen“, fordert deshalb der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Heinz Keller, und der renommierte Münchner Organisations-Professor Eberhard Witte sieht in der Zukunft eine internationale Bildungskonkurrenz zwischen Industrieländern. „Wissen“ sei künftig der ausschlaggebende Produktionsfaktor, um Wohlstand, Arbeitsplätze und technische Innovationen zu sichern.