Von Ulrich Schiller

Washington, im Dezember

Ronald Reagan bricht mit einer der überflüssigen Traditionen, an denen das politische Leben Amerikas nicht eben arm ist. Daß er eigentlich erst an diesem Montag durch das Wahlmännerkollegium zum Präsidenten gewählt worden ist, gehört – am Rande vermerkt – auch dazu. Neugewählte Präsidenten pflegen ihr Kabinett quasi als ersten Leistungsnachweis selbst vorzustellen. Richard Nixon tat das 1968 im Stile eines Kaufhauschefs, der dem Publikum seine neuen Abteilungsleiter anpreist. Jimmy Carter unterschied sich von ihm nur graduell. Auch er überschüttete die erwählten Kabinettsmitglieder pauschal mit Vorschußlorbeeren – wobei freilich das größte Lob stets jenem zufallen soll, der die so überdurchschnittlich klugen und tüchtigen Leute aus dem riesigen Talentepool der Nation herauszufischen verstand. Reagan dagegen glänzte durch Abwesenheit, als sich vorige Woche die erste Hälfte seines Kabinetts präsentierte; er ist im schönen Kalifornien, wenn vermutlich diese Woche die zweite Hälfte folgt.

Auch das ist keine glückliche Form; denn die Riege der würdigen Herren – und bisher waren es nur Männer – stand da etwas verlegen vor der unbändigen und um Lobbyisten aller Schattierungen vermehrten Presse. Keiner wollte in Abwesenheit des Meisters und zu diesem Zeitpunkt eine präzise Ressortauskunft geben. Caspar Weinberger, dessen Gesicht der politischen Öffentlichkeit nun wirklich bekannt ist, schnitt alle Floskeln ab und sagte: "Die ersten Antworten zu Fragen meines neuen Ressorts bekommt der Senat." Die Bestätigungs-Hearings sollen bis zur Inauguration Reagans am 20. Januar abgeschlossen sein.

Die ersten acht Reagan-Nominierungen haben dadurch überrascht, daß sie fast ausnahmslos – nach einer Formulierung des Washington Star – den "Mahagony-Look eines Vorstandszimmers boten, in dem sichere und verantwortliche Entscheidungen von gediegenem konservativem Geist fallen". Schrille Töne der neuen Rechten, Ideologisch-Doktrinäres gehen von den bisher ernannten Ministern nicht aus, obwohl offenbar allen eines gemeinsam ist: Das ist ihre Loyalität zu Ronald Reagan, der doch wahrlich als Apostel einer konservativen Erneuerung durch die Lande und durch den Wahlkampf gezogen ist.

Viel ist davon die Rede, daß Reagan eine Kabinettsregierung wünsche – wieder einmal. Denn das ganze Kabinett am Prozeß der Weisheitsfindung und der Entscheidung beteiligen, das wollten auch Nixon und Ford und Carter allemal. Aber in aller Regel wurden die Minister sehr bald zu Verfechtern der Pläne und Interessen ihrer Ministerien, anstatt in ihrem Ministerium die Politik des Präsidenten zu verfechten. Das hatte zur Folge, daß amerikanische Präsidenten dazu neigten, den Mitarbeiterstab im Weißen Haus ständig zu erweitern, um die Arbeit des Kabinetts überhaupt übersehen zu können. Dem in Washington versammelten Chor von Zweiflern, die die guten Vorsätze einer Kabinettsregierung schon zu oft gehört haben, hat Caspar Weinberger, der künftige Verteidigungsminister, versichert, Ronald Reagan werde es schaffen, daß die Politik des Präsidenten von oben nach unten verläuft, in die Administration, und nicht umgekehrt.

Wie Reagan das schaffen will, ist erst in Umrissen deutlich. Er scheint sich vor allem auf eine Art "Superkabinett" stützen zu wollen, auf eine Gruppe von Männern, die ihm täglich zu allen akuten Fragen der Innen- und der Außenpolitik, also über ihr eigenes Ressort hinaus, Rat und Urteil geben sollen. Das wären nach Auskunft gut unterrichteter Beobachter Caspar Weinberger (Verteidigung), William Casey (CIA), William Smith (Justiz), Donald Regan (Finanzen) und der Außenminister, der nun wohl auf alle Fälle Alexander Haig heißen wird.