Der Aufmarsch der Roten Armee hat einen rhetorischen Krieg zwischen Ost und West heraufbeschworen. Die polnischen Reformer und die kommunistische Partei spielen die Gefahr einer Intervention herunter. Aus dem Danziger Gedenktag versuchten sie ein Fest nationaler Eintracht zu machen.

Mit gespannter Aufmerksamkeit erwarteten Ost und West die Enthüllung des Danziger Denkmals für die Opfer des Werftarbeiter-Streiks im Dezember 1970, die für Dienstag dieser Woche angesetzt war. Für die Zukunft Polens schien dieser Tag richtungweisend: Die Gewerkschaft „Solidarität“ wollte einen Tag der Versöhnung feiern; das Denkmal sollte ein Wahrzeichen für die friedliche Lösung der innenpolitischen Krise darstellen. Sie mußte aber gleichzeitig Vorkehrungen treffen, damit ihr die Massenkundgebung nicht entglitt: Eine Demonstration gegen das sozialistische System, ob provoziert oder nicht, konnte der Sowjetunion den Anlaß zur Intervention liefern.

In den vergangenen Wochen hatte die Möglichkeit eines sowjetischen Eingreifens den Reformkurs zunächst einmal abgesichert. Arbeiterführer Lech Walesa konnte die radikalen Fraktionen in seiner Gewerkschaft stets mit dem Hinweis auf die Grenzen dessen, was die Soejtunion ertragen würde, disziplinieren. Die führende Rolle der Partei durfte zumindest theoretisch nicht bestritten werden. Deshalb wollte „Solidarität“ die Danziger Einweihung keineswegs zur Siegesfeier stilisieren: Nicht der Erfolg über den Staat, der noch 1970 die Gewerkschaftsbewegung blutig unterdrückt hatte – offiziell gab es 49 Tote –, sondern ein Gedenktag für die gesamte polnische Nation sollte zelebriert werden.

Auch die polnischen Bischöfe mahnten zur praktischen Vernunft. In ihrem Hirtenbrief warnten sie vor unüberlegten Schritten, die Freiheit und Unabhängigkeit Polens aufs Spiel setzen würden.

Das Parteiorgan Trybuna Ludu vermittelte seinerseits den Eindruck, Polen sei auf dem besten Wege, seine politischen und wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Die Partei hoffe darauf, daß das Danziger Ehrenmal zum Symbol für die nationale Einheit werde. Parteichef Kania hatte schon am Wochenende versichert, die Partei genieße das Vertrauen der sowjetischen Führung. Die Erklärung vom Moskauer Gipfeltreffen der Staaten des Warschauer Paktes, die den Reformkurs abgesegnet hatte, gelte nach wie vor.

Während Partei und Gewerkschaften demonstrierten, daß sie die Lage im Griff haben, beobachtete der Westen voller Unruhe, wie in der sowjetischen Presse erneut deutliche Warnungen an die Polen gerichtet wurden. Das Parteiorgan Prawda verbreitete die Ansicht, Polen sei von antisozialistischen Kräften unterwandert, die im Aufträge des Westens Zersetzungsarbeit leisteten. Westliche Beobachter erinnerte, dieser Umkehrschluß an die ideologische Vorbereitung auf die Prager Invasion: Brüderliche Solidarität für Polen, das aus dem sozialistischen Lager auszuscheren drohe.

Die Nato und abermals die amerikanische Regierung kündigten an, eine Intervention würde das Ende jeder Entspannungspolitik bedeuten. Die Warnung löste einen Nervenkrieg zwischen Ost und West aus; er spielte sich in gegenseitigen Vorwürfen und Drohungen ab, die an den Kalten Krieg der fünfziger Jahre erinnerten.