ARD, Donnerstag, 18. Dezember 1980, 23.00 Uhr: „A Time there was – Es war einmal“, Porträt des Komponisten Benjamin Britten, von Tony Palmer

Am Schluß der Oper „Tod in Venedig“ läßt der Komponist den sterbenden Dichter Aschenbach einen unsichtbaren Begleiter Phaedrus nach dem Sinn des Lebens fragen. War es das Wissen, war es die verlorene Unschuld? Muß das Streben nach Schönheit, nach Liebe immer im Chaos enden? Fragen, die Benjamin Britten sich selber stellte, als er in einem kleinen Bungalow bei Horham, wissend, daß seine Tage kürzer würden, seine letzten Kompositionen schrieb, eben den „Tod in Venedig“, ein Streichquartett, eine Volkslied-Kantate „A Time there was“ – einen „Rückblick ohne Bedauern“, wie Tony Palmer formuliert, „aber ein liebendes Angedenken an Vergangenes und in Trauer über das, was nicht mehr sein würde“.

Ein liebendes Angedenken auch in Trauer über das, was nicht mehr ist, wurde dieser im Herbst mit dem „Prix Italia“ dekorierte Hundert-Minuten-Film, der nur einen Fehler hat: Wer es nicht weiß oder zumindest ahnt, erfährt wenig darüber, welches Stück von Britten den Original- oder Hintergrund-Klang liefert – von ein paar Erläuterungen zur Theorie dieser Musik, ihren kompositionstechnischen Verfahren, strukturellen Eigenarten oder retrospektiven Blickwinkeln ganz abgesehen. Auch wer da in seinen Erinnerungen kramt und findet, daß „die dunkle Seite des Lebens Ben anzog“, daß er „nur einmal zum Abendmahl ging: um jemanden glücklich zu machen“, daß er „nach unbeschwerter Jugend seinen Glauben an den Menschen verloren“ habe – aus dem Kontext muß klar werden, daß es ein Anverwandter ist, der da redet, die Haushälterin, die Ärztin, Und so gewinnt manches erst spät Authentizität.

„Britten has many tenor-parts in what he has written so that everybody hears Pears“ – irgendwann wird sicher, daß der etwas versnobt anmutende Herr mit den schlohweißen Haaren und der leuchtend roten Krawatte, der viel zu erzählen weiß über den „ganz moralischen Standpunkt“ Benjamin Brittens; über die Kindheit und die spätere Enttäuschung, als die Welt eine andere wurde; über den Pazifismus und die Minderwertigkeitskomplexe; über die Angst vor dem Vater, die Sensibilität, die Durchsetzungskraft, die Homosexualität – identisch ist mit dem immer wieder auftretenden Sänger und daß dieser Peter Pears Einblicke gehabt haben muß in eine Seele, die weiter weg war von dieser Welt, als jene Musik erahnen läßt, die sie dem Komponisten in die Feder diktierte.

Ein Film von außerordentlicher Zartheit und liebevoller Distanz, eine geschickte Montage aus altem Schwarzweiß-Material mit farbigem aus der Jetzt-Zeit, Bildsequenzen, die sich wechselseitig kommentieren und doch Rätsel offenlassen, Gespräche und stumme Beobachtungen, dialektische Gegensätze von Bild und Ton und immer wieder die Musik, die so unverhohlen in der Vergangenheit sich festkrallende, über ihren eigenen tonalen Schatten nicht einmal erstaunte Musik, die sich schraubt und wendet und ironische Volten schlägt, aber aus der Kirche und von der See nicht loskommt.

Als einen „Menschen, der es im Leben nicht einfach hatte“, sieht ihn eingangs Leonard Bernstein, und dessen Motto von dem „Dunklen“ dieser Musik – „da reibt sich etwas, das tut weh“ – könnte den Hörer präokkupieren. Aber das Bild des vom Erfolg verwöhnten Komponisten zurechtzurücken, war wohl eines der Ziele dieses Gedenk-Films.

Heinz Josef Herbort