Die Szene gehört zum unvergeßlichen Bilderschatz längst vergangener Sturmjahre: die zwei Studenten, selbst noch im feierlichen Schwarz, die vor den im Ornat zur Immatrikulationsfeier schreitenden Professoren das Spruchband ausbreiten, auf dem der Satz steht: „Unter den Talaren Muff, von tausend Jahren.“ Das war 1967, in Hamburg, und der Auftritt war das einprägsamste Exempel jener symbolisch-provokativen Akte, die die eigentliche Sprengkraft der Studentenbewegung ausmachten. Der bald zur Kampflosung avancierte Satz hat die deutschen Universitäten mutmaßlich mehr erschüttert als die meisten Manifeste und Programme. Seitdem gibt sie sich entsagungsvoll im Grau bürgerlicher Konvention.

Da kann schon fast als Ereignis gelten, was der Kölner Stadt-Anzeiger ausgemacht hat: ein Talar, ein richtiger, mittelalterlich-imitierender Talar in einem deutschen Hörsaal. Dorthin gebracht hat ihn die mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Köln. Ihr Dekan, Herbert Budzikiewicz, hat in besagtem Kleidungsstück kürzlich, bereits zum zweiten Male, den Promoventen der Fakultät ihre Prädikate überreicht.

Das gute Stück ist, so will es scheinen, der erste Talar, der seit gut einem Jahrzehnt in deutschen Hochschulen wieder, in Erscheinung tritt. Steht er für das hochschulpolitische Zurück, das viele befürchten? Oder für die Rückkehr zur alten Ordinarienherrlichkeit? Der Dekan selbst erklärt den zeremoniellen Auftritt schlichter: mit dem Unbehagen vieler über die allzu große Nüchternheit akademischer Akte. Deshalb sei die Fakultät übereingekommen, den „Versuch zu wagen“. Ohne Vorwarnung sei er im traditionellen Habit in den Hörsaal getreten. Nicht Protest, sondern „spontaner Beifall“ habe ihn empfangen.

Da zögert man, in dem Kölner Ornat wirklich ein Zeichen zu sehen. Ohnedies haben wir im vergangenen Jahrzehnt erfahren, daß universitärer Muff nicht an Talare gebunden ist. Rdh.