Zu seiner Konfirmation hatte er (unter der Redaktion des Hofpredigers) "Lebensgrundsätze" verfaßt, die nicht geheim blieben und nicht geheim bleiben sollten, sondern veröffentlicht wurden. Sie knüpften an sein Glaubensbekenntnis an: "Es gibt ein höchstes Wesen. Der Mensch ist bestimmt, der höchsten Vollendung nachzustreben. Der Geist des Menschen ist unsterblich und soll einst in ein höheres Leben, in ein Leben der Vollendung übergehen.

Bei dieser Entwicklung solle ihm die Vernunft helfen; "die Vernunft ist das Gottähnliche meines Geistes", schrieb er, durch sie werde er zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen und imstande sein, Tugend zu üben. Praktisch sollte dies heißen: "Gegen niemand Haß hegen, jedem, wo ich kann, Gutes erweisen, selbst meine Feinde gerecht und gütig behandeln, denen wohltun, die segnen, die mich hassen und verfolgen; mäßig, keusch, sanftmütig und demütig sein und in frommer Gelassenheit alles Ungemach des Lebens ertragen."

Das höchste Gebot war ihm, Gott gehorsam zu sein. Doch erklärte er, dem Staat, seinem Staat, mit derselben "inneren Askese" zu dienen wie Gott: "Für den König, meinen Vater, hege ich eine ehrfurchtsvolle und zärtliche Liebe. Ihm zur Freude zu leben, will ich mich auf das angelegentlichste bemühen. Seinen Befehlen leiste ich den pünktlichsten Gehorsam. Den Gesetzen und der Verfassung des Staates unterwerfe ich mich in allen Stücken."

Er war zu jener Zeit 18 Jahre alt, war Offizier im Range eines Majors; er war Prinz, aber nicht Thronfolger. Und er meinte es ernst mit seinen Lebensgrundsätzen. Noch war die Welt für ihn vollkommen in Ordnung. "Mein fürstlicher Stand", schrieb er, "soll mich immer an die größeren Anstrengungen, die er von mir fordert, und an die größeren Versuchungen, mit denen ich zu kämpfen habe, erinnern. Ich will nie vergessen, daß der Fürst doch auch Mensch – vor Gott nur Mensch ist und mit dem Geringsten im Volke die Abkunft, die Schwachheit der menschlichen Natur und alle Bedürfnisse derselben gemein hat, daß die Gesetze, welche für andere gelten, auch ihm vorgeschrieben sind, und daß er, wie die andern, einst über sein Verhalten wird gerichtet werden."

Er erklärte sich auch bereit, mit aller Kraft für die Erhaltung der bestehenden; Ordnung einzutreten; er war durch und durch konservativ eingestellt. Und er wollte, seiner "Pflicht gemäß, alles aufbieten, daß das Werk der Heuchelei und Bosheit zerstört, das Schlechte und Schändliche der Verachtung preisgegeben und das Verbrechen zur verdienten Strafe gezogen werde".

Man muß ihm zugestehen, daß er sein Leben lang mit Erfolg bestrebt war, sich an diese Grundsätze zu halten, obgleich die Welt nicht so ordentlich blieb, wie er gehofft hatte, und viel Unerfreuliches auf ihn zukam, teils durch eben die Ordnung, in der er lebte und die ihm verwehrte, jene Frau zu heiraten, die er liebte, teils dadurch, daß andere diese Ordnung in Frage stellten. Und mit ihr ihn.

Als er schon 64 Jahre alt war und sich eigentlich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen wollte, wurde er doch noch König. Er hat dieses Amt, das er immer als von Gott gegeben verstand, 27 Jahre lang mit Umsicht, Güte, aber manchmal auch gegen seine persönlichen Grundsätze ausgeübt.