Der Titel ist Programm: „Unkrautgarten“. Bei Peter Handke hieß es vor Jahren: „Die Unvernünftigen sterben aus.“ Seither hat sich die Lage für Außenseiter, Nicht-Angepaßte, Selbstdenker und andere „Unvernünftige“ verschlechtert. Wer sich dem Computerbetrieb nicht anbequemt, wer nicht „ausgewogen“ zu formulieren oder zu agieren bereit ist, wird „wegrationalisiert“, gekündigt, zum Schweigen gebracht, auf den Aussterbe-Etat gesetzt. Hat jemand bei Spaziergängen im Sommer noch die beiden schönsten Feldblumen gesehen, Klatschmohn, Kornblume? Auch dieses Rot, dieses Blau sind, als Unkraut, ausgerottet.

In ihrem neuen Tanzabend, der wieder unter dem Serientitel „Ballett im Concordia“ in dem ehemaligen Kinosaal neben der Bahnlinie über knappe eindreiviertel Stunden ohne Pause läuft, eröffnet die Bremer Ballettdirektorin, Choreographin und Tänzerin Reinhild Hoffmann der Tanzkunst eine wichtige Alternativszenerie. Wer dächte bei Ballett und Tanz nicht an geharkte Wege, gestutzte Boskette, gejätete Blumenrabatten, an die ganze Salonlandschaft von Hecken, Sträuchern, Lustwäldchen, durch die Giselle und Dornröschen, Weißer und Schwarzer Schwan flattern?

Nichts davon in Bremen. Eine leergeräumte Halle, in der Diagonale geteilt in einen schwarzen, einen weißen Bezirk. Nichts da von „grünem“ Kitsch. Kein (Un-)Kräutlein wird gehegt. Phantasie, Bildkraft, Zeit- und Gesellschaftskritik und visionäre Wut dieser Choreographin gehen auch in dem neuen Tanzabend (nach „Fünf Tage fünf Nächte“, 1979, und „Hochzeit“, Februar 1980) eine ungewöhnliche Verbindung ein. Der Abstraktionskraft, die sich in immer neuen gestischen Chiffren und in überraschend neuem Umgang mit Requisiten (Stühlen, Tüchern, Glasscheiben, Vogelflügeln) ausspricht, antwortet eine Lust, gedankliche Prozesse zu übersetzen in Abläufe körperlicher Bewegung.

Deshalb kann man in diesem „Unkrautgarten“ umherspazieren wie in einem Studio für neue Choreographie und faszinierende oder befremdende Gliederspiele – und hätte am Wesentlichen vorbeigeschaut. Denn die radikale, mehr als nur den optischen Sinn beschäftigende Energie dieses Abends kommt aus der Leidenschaft, mit der Reinhild Hoffmann und der für das „Konzept“ mitverantwortliche Johannes Schütz, von dem das Bühnenbild stammt, Partei ergreifen für den Einzelnen, den Ausgestoßenen, den Außenseiter – für das bunt wuchernde „Unkraut“.

Der Bremer Tanzabend hat eine versteckte politische Kraft, hinter der fast alles zurückbleibt, was zur Zeit auf deutschen Bühnen gespielt wird. Hochhuths tapfere Versuche, in leitartikelnden Thesenstücken der Gegenwart auf den Leib zu rücken, John Neumeiers nicht mehr originelle Unternehmungen, noch ein Werk von Gustav Mahler als Flußbett für seinen Tränenstrom über „Lieb’ und Leid und Welt und Traum“ zu mißbrauchen (so der Titel seines jüngsten Tanzabends in Hamburg auf Mahlers Erste Sinfonie) und all die Profilierungsversuche mancher Regisseure, Schiller oder Büchner, Goethe oder Kleist die modische Achtziger-Jahre-Frisur zu verpassen, werden hinfällig angesichts des Willens zum Theater, womit Reinhild Hoffmann und ihre Gruppe (Johannes Schütz, Konzept und Bühnenbild; Gerald Barry, Musik; Elisabeth Schweeger, Dramaturgie; Ortrud Himmelreich, Kostüme; Manfred Voss, Beleuchtung) beides vereinen: Spieltrieb und Zeitkritik, politische Reflexion und tänzerischen Ausdruck, Genauigkeit der Gedanken und der Bewegungen – kurz: Theater.

Den engen Schlauch des alten „Concordia“-Kinos erkennt man nicht wieder: In der Zurichtung von Johannes Schütz wirkt er hoch, groß, weit. Die jeweils 99 Zuschauer, die von der Feuerpolizei geduldet werden, sitzen auf Kinosesseln von grünem Riffelsamt in acht steil ansteigenden Reihen an einer der Schmalseiten. Rechts, hinter drei weißen Pfeilern, sieht man in der gekalkten Längswand neun schmale Türen, grüngrau gestrichen. Die (durch die Architektur des Saals bedingte) szenische Anlage erinnert an das schönste Bild von Robert Wilsons „Death, Destruction & Detroit“ für die Berliner Schaubühne. Und wie damals öffnen sich die engen Pforten, aus denen blendendes Licht in den dunklen Saal schießt – und das Tanzspiel beginnt.

Die siebzehn Frauen und Männer des Ensembles kommen, barfuß, in den langen Saal, an dessen schwarz gestrichener anderer Längswand, in einem Mäuerchen aus Torf, schmale Glasscheiben wechselnder Höhe lehnen. Alle nehmen auf dem Stuhl Platz, den sie mitgeschleppt haben, und fallen in Schlaf. Im Traum (?) entkleiden sie sich bis auf Turnhemd und Slip. Dabei ordnen sie Jacke, Kleid so um die Lehne, legen Hosenbeine so über den Sitz, daß man meint, siebzehn weitere Zuschauer, ohne Kopf, seien plötzlich im Saal.