Von Wolf gang Hoff mann

Erwin Schlosser, Geschäftsführer der deutschen Werkzeugmaschinenbauer in Frankfurt, ist pessimistisch: „Ich glaube nicht, daß man die westlichen Länder unter einen Deckel bekommen wird. Man weiß ja doch, was alles auf dem Gebiet des Waffenexports möglich ist.“ Und in der Tat zeigen alle bisherigen Erfahrungen: Wirtschaftsboykotte sind immer wieder unterlaufen worden.

Gleichwohl bereiten sich die westlichen Industrieländer nun darauf vor, die Sowjets härter als bisher zu bestrafen, sollten sie wahrmachen, was im Westen befürchtet wird: den Einmarsch nach Polen. Selbst die Franzosen, die sich bisher am wenigsten um die US-Forderung gekümmert haben, das amerikanische Handelsembargo nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan solidarisch mitzutragen, wollen nun nicht länger Außenseiter sein. Polen, das zeichnet sich ab, kittet das brüchige Bündnis im Westen.

Ob der Kitt freilich hält, wenn es zum Schwur kommen sollte, ist außerordentlich fraglich. Noch fraglicher allerdings, ob die wirtschaftlichen Strafaktionen des Westens : überhaupt wirken. Otto Wolff von Amerongen, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages und Vorsitzender des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, jedenfalls vertritt die Ansicht, eine Großmacht wie die autarkiefähige UdSSR werde sich in ihren politischen Entscheidungen nicht durch wirtschaftliche Erwägungen beeinflussen lassen. Bisher haben sich die Sowjets noch nie politische Zugeständnisse abringen lassen, wenn der Westen mit wirtschaftlichen Sanktionen gedroht oder sie gar teilweise wahrgemacht hat.

Die These von Willy Brandt, daß man „eine Weltmacht nicht bestrafen kann“, wird sogar von jenen im Westen geteilt, die häufig Kritik am Technologietransfer in die Sowjetunion übten. Werner Obst zum Beispiel, vor seiner Flucht in die Bundesrepublik Wirtschaftsexperte im „Büro des Ministerrates der DDR“, meint, die Hoffnungen, man könne die Sowjetunion mit einem Embargo ökonomisch treffen, seien viel zu hochgegriffen. Obst indes meint, dies sei auch nicht der Punkt, auf den es ankomme. Ihm geht es darum, „den ökonomischen Abstieg Moskaus in eine mehr mittlere Macht durch das Vorenthalten jedweder westlichen Unterstützung zu beschleunigen.“

Das ist möglich, denn die Sowjetunion ist sehr auf technisch hochwertige Erzeugnisse aus dem Westen angewiesen – viel stärker, als der oberflächliche Blick in die globalen Zahlen über den gegenseitigen Handel, erkennen läßt. Voraussetzung ist allerdings, daß die westlichen Industrieländer einschließlich Japans an einem Strang ziehen und überdies auch bereit sind, bestehende Lieferverträge, kurz- wie langfristige, zu brechen. Einige Beispiele: Die Oberhausener Firma Babcock ist ein traditioneller Lieferant für Spezialarmaturen, die beim Kraftwerksbau, insbesondere dem von Kernkraftwerken benötigt werden. Obwohl die Sowjetunion auf dem Energiesektor eine erklärte Autarkie-Politik beschritt, ist sie nach wie vor auf einschlägige Zulieferungen aus dem Westen angewiesen. Ohne die Armaturen von Babcock und ohne Ersatz aus dritten Ländern käme Moskau mit seinem Kernenergieprogramm ins Gedränge.

Eine Firma, die sich auf die Produktion von Motoren spezialisiert hat, die nun in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei in Lizenz nachgebaut werden, ist sich ziemlich sicher, daß die Russen nur Schrott produzieren würden, wenn sie von bestimmten Zulieferungen wie Speziallegierungen oder Dichtungen abgeschnitten sind, deren Produktion im Osten in der notwendigen Präzision und Qualität auch nach vielen Jahren noch nicht klappt.