Von Hans Schueler

Bonn, im Dezember

Im Verteidigungsministerium auf der Bonner Hardthöhe werden in diesen Tagen unentwegt Rechenkunststücke vorgeführt. Zum Beispiel das folgende: Angenommen, jemand könnte sich den „Starfighter“, das zur Ausmusterung anstehende Standardkampfflugzeug von Luftwaffe und Marine, kiloweise kaufen. Dann müßte er, so argumentieren die Rüstungsplaner, nach heutigen Preisen für ein Kilo „Starfighter“ mehr bezahlen als für ein Kilo des neuentwickelten, demnächst der Truppe zulaufenden Nachfolgemusters „Tornado“. Die Lob erheischende Frage bleibt unausgesprochen, aber sie steht unüberhörbar im Raum: „Haben wir denn nicht sparsam gewirtschaftet?“

Dabei geht es, zumindest vordergründig, gar nicht um Kilopreise und Sparsamkeit. Der Streit um Sinn und Vernunft der „Tornado“-Beschaffung, des größten europäischen Rüstungsprogramms aller Zeiten, ist auf dem Hintergrund einer kameralistischen Fehlleistung neu entbrannt, die mit den Kosten des Projekts im ganzen kaum etwas zu tun hat. Spät, zu spät im Haushaltsjahr 1980 erkannten die Planer, daß im „Tornado“-Topf des Verteidigungsbudgets kein Geld mehr für Lieferantenrechnungen in Höhe von 533 Millionen Mark vorhanden ist. Und schon zeichnet sich für das nächste Jahr, bei ebenfalls längst beschlossenem Haushalt, eine weitere Finanzierungslücke von schätzungsweise 800 Millionen Mark ab.

Kleckerbeträge freilich, wenn man sich vor Augen hält, was der Supervogel kostet: Nach dem Preisstand Ende vergangenen Jahres liegt der sogenannte „Geräte-Systempreis“ für ein „Tornado“-Flugzeug bei 67,36 Millionen Mark. Der „Starfighter“ hatte seinerzeit mit allem Drum und Dran noch nicht einmal 10 Millionen gekostet. Den Kilopreis seines Nachfolgers kann man sich ausrechnen: 3000 Mark. Er erinnert an den Börsenwert für Halbedelsteine. Die Bundeswehr wird für ihre Luftwaffe und die Marineflieger 322 „Tornado“-Maschinen anschaffen. Es sind die teuersten Jagdbomber, die es je gab, seit Flugzeuge gebaut werden. Wieviel uns das insgesamt kostet, läßt sich nur vage vorhersagen, weil niemand die Inflationsraten der nächsten Jahre kennt und weil das letzte der bestellten Flugzeuge wohl erst 1988 ausgeliefert sein wird. Mit 20 Milliarden Mark inklusive Entwicklungskosten werden wir kaum mehr auskommen.

Niemand, auch Bundesverteidigungsminister Apel nicht, weiß genau, wie es zu der Finanzierungslücke beim „Tornado“ kommen konnte. Die Anschaffung des Gesamtsystems ist nach menschlichem Ermessen im Rahmen langfristiger Haushaltsplanung gesichert. Doch auch Rüstungsgüter werden vom Hersteller ratenweise geliefert und müssen vom Auftraggeber ratenweise bezahlt werden. Die Lieferung geschieht in sogenannten „Losen“ – eine bestimmte Anzahl von Kanonen, Panzern oder Flugzeugen in einem bestimmten Zeitraum.

Der „Tornado“ wird in drei Ländern gebaut: in Großbritannien, der Bundesrepublik und Italien. Die Engländer bauen das Rumpfvorderteil einschließlich Cockpit und das Rumpfhinterteil mit Höhen- und Seitenruder. In der Bundesrepublik wird – vom Ottobrunner Rüstungskonzern Messerschmidt-Bölkow-Blohm – das Rumpfmittelstück hergestellt. Die Italiener liefern die schwenkbaren Tragflächen. Nur die Avionik, Inbegriff aller für Navigation, Zielsuche und Treffsicherheit entscheidenden elektronischen Systeme, fällt aus dem europäischen Rahmen: Das wichtigste Gerät, das Bordradar, wird von den Amerikanern geliefert. Die Produktion der Triebwerke obliegt einem trinationalen Unternehmen, der „Turbo-Union“, an dem die italienischen Fiat-Werke, die deutsche MTU und die britischen Rolls-Royce-Werke beteiligt sind. Zu den eigentlichen Herstellern kommen in allen drei Ländern noch rund 350 Zuliefererfirmen.