Die Abneigung gegenüber Fremden und Außenseitern tritt in den verschiedensten menschlichen Kulturen auf. Wer nicht zur eigenen Gruppe gehört, gilt weniger denn ein Mensch, Woher haben wir diese lästige Reaktion? Wie könnten wir uns von ihr befreien?

Von Dieter E. Zimmer

Dies ist, was eine deutsche Hauptschülerin über Gastarbeiter zu Papier brachte: „Viele Leute bezeichnen die Gastarbeiter als asoziale Bagasche und als Sittenstrolche... Man stellt die Gastarbeiter meistens in Intimitäten den Schweinen gleich. Was auch wahr ist. Wenn ich. abends mit meiner Mutter Schaufenster gucken gehe, da ist der erste, der uns. anpflaumt, ein Gastarbeiter. Weil die glauben, jede Frau, die abends auf der Straße ist, sei ein Vogel. Es gibt nur einen geringen Teil der Gastarbeiter, der eigentlich dankbar wäre, wenn man sie zivilisieren würde“ (zitiert aus Ernst Klee, „Gastarbeiter“, 1972).

Fragt man, woher das Mädchen diese Ansichten hat, scheint die Antwort nahezuliegen. Sie verrät es ja selber: „viele Leute“, „man“ – oder auch die unverstandene Beziehung zwischen Frauen und Vögeln. Das Mädchen gibt nur wieder, was sie in ihrer Umgebung gehört hat. Die Gesellschaft hat ihr ihren Fremdenhaß anerzogen.

So richtig diese Antwort ist, so unbefriedigend ist sie auch. Denn sofort erhebt sich dahinter ja die nächste Frage: Und woher hat die Gesellschaft diese Ansichten? Man könnte antworten: Sie sind auch ihr anerzogen worden. Von wem? Eben von einer anderen, früheren Gesellschaft. Die wiederum hat sie von einer noch früheren übernommen. Theoretisch ist das denkbar: eine unabsehbare Kette, in der eine Generation ihre Ansichten auf die nächste tradiert.

Wahrscheinlich ist das jedoch nicht. Ansichten sind relativ empfindlich für Tatsachen. Die Ansicht, die Erde wäre ein Teller, hatte keine Chance, weitergereicht zu werden, als ihre Kugelgestalt bewiesen war – und das, obwohl jeder die Erde weiterhin als Teller erlebte und erst in jüngster Zeit einige Astronauten den runden Globus zu Gesicht bekamen. Daß Fremde keine „Schweine“ sind, wäre eine sehr viel sinnfälligere Tatsache; sie sollte uns längst überzeugt und die Kette der Tradition unterbrochen haben.

Stärker als die Vernunft