Die schillernden Lebens- und Liebesphantasien der Beatles

Von Jürgen Schmidt

Weil der Jubilar allseitig bekannt ist, gleich zu Beginn die (spielerisch gemeinte) Frage nach den Gratulanten. Glaubt man jüngsten Umfrageergebnissen des Allensbacher Instituts für Demoskopie und ergänzt sie mit eigener Anschauung, dann müßte der typische Beatles-Sympathisant bundesrepublikanischer Herkunft ungefähr diese Merkmale aufweisen: Twen mit höherer, eventuell abgebrochener Schul- beziehungsweise Hochschulbildung; Parkaträger und auch sonst dezent unkonform; makrobiotischen Speiseplänen im besonderen und Aussteigerträumen im allgemeinen nicht abgeneigt; friedliebend und monogam; stern-Leser und konsumkritisch. Sein Vater ist selbständig oder höherer Angestellter, seine Mutter Hausfrau und nicht unfesch. Außerdem hat er instinktiv etwas gegen die Rolling Stones (zu proletarisch), gegen Frank Zappa (zu anarchistisch) und gegen die Moody Blues (zu kitschig). Über seinem Klo hängt womöglich noch ein betagtes Poster zum Thema „Frieden“, und in der Ikea-Holzbox hat er garantiert diese sechs Beatles-Alben: „A Hard Day’s Night“ (1964), „Help!“ (1965), „Rubber Soul“ (1965), „Revolver“ (1966), „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ (1967) sowie jenes berühmte LP-Tandem, das seit jeher als Weißes Album firmiert („The Beatles“, 1968). Über weitere Stücke in seiner Sammlung ließe sich reden – oder auch nicht. Hat er sich beispielsweise bis zuletzt auf dem laufenden gehalten, wird er mittlerweile wohl auch die „Rarities“ besitzen, jenes Sammelsurium von Beatles-Titeln, die entweder zu spröde oder aber zu verwunschen waren, um sich in der Nachbarschaft solcher auch nicht gerade unverwunschener Produkte wie dem Zwei-Wörter-Song „Revolution 9“ (auf dem Weißen Album) behaupten zu können.

Und verwunschen ist vieles von dem, was die vier Herren der Jahrgänge 40 (Ringo), 40 (John), 42 (Paul) und 43 (George) da hinterlassen haben. Wollte man ihr Talent, mit monströsen Worten minimale Gefühle, mit einem halben Dutzend Akkorden orchestrale Effekte und mit hölzernen Dreivierteltaktschlägen metrische Unwetter hervorrufen zu können, auf den Begriff bringen, brauchte man derer mindestens zehn: sentimental, bürgerschrecklich, komplexbeladen, empfindsam, rastlos, versponnen, voller Abwehr, überkandidelt, systemkonform und so weiter und so fort. Die Belege dafür finden sich glücklicherweise, und zwar tausendfach, in den Beatles-Songs selbst, an Qualifikationsmaterial herrscht folglich kein Mangel. Im Gegenteil sind diese Songs ein schier unerschöpflicher Erkenntnisquell. Dem Weißen Album beispielsweise – die Wahl ist zufällig und spontan – lassen sich unter vielen auch diese Erkenntnisse entnehmen: Die Girls in der Ukraine sind umwerfend. Zu einer glücklichen Zukunft gehören ein paar Kinder und ein schönes Heim, selbstgebaut, versteht sich. Die größten Schweine haben die weißesten Hemden an. Die Menschen sind blind, weshalb man „es“ auch ruhig auf der Straße machen könnte ...

Durch und durch Eklektiker

Warum die vier „es“ trotzdem nie auf der Straße gemacht haben? Erstens wohl, weil sie es einfach nicht nötig hatten (auf ihren Tourneen sind ihnen die weiblichen Fans regelmäßig bis in die Hotelzimmer nachgestiegen), und zweitens wohl ihrer unstillbaren Sehnsucht nach bürgerlicher Ungestörtheit wegen, die sie beinahe ebensooft herbeigeredet wie herbeigesungen haben. Von Ringo Starr und seiner Frau Maureen Cox etwa ist überliefert, daß sie eigentlich immer von einem eleganten Damenfriseursalon geträumt haben. Von George Harrison wissen wir, daß er die meiste Zeit damit verbringt „zuzusehen, wie mein Sohn heranwächst“. Von Paul McCartney ist zu hören, daß er sich „zu Hause am wohlsten“ fühlt. Und von dem geistreichsten Beatle, dem Gitarristen und Texter, Schriftsteller und Zeichner, Friedensprediger und Ironiker John Lennon ist überliefert, daß ihn das Leben eines Pop-Stars immer nur nervös machte, wogegen er gleichfalls ein einschlägiges Ungestörtheitsrezept hatte. Er verschwand häufig in die Badewanne.

Dementsprechend die „Botschaften“ vieler Beatles-Songs. „A Hard Day’s Night“? Ein einziger Schrei nach häuslicher Ruhe! „All I’ve Got To Do“? Ein einziges Flehen um Geborgenheit und Nähe! „Getting Better“? Ein einziges Versprechen, künftig Friede, Freude, Eierkuchen zu praktizieren! „I’m Only Sleeping“? Ein einziges Gebet, in Ruhe gelassen zu werden! „Ob-La-Di, Ob-La-Da“? Ein einziges Hohelied auf das familiäre Glück zwischen Stand auf dem Markt und Häuslein im Grünen! „When I’m Sixty-Four“? Eine einzige Bitte darum, im Alter noch ein bißchen nützlich sein, Pullover stricken und auf der Insel Wright übersommern zu dürfen. Wenn die Beatles also etwas erreicht haben, dann vor allem die massenweise Verbreitung und Etablierung eines bürgerlichen Behütungstraums.