Das ist wie immer: Als sei es nur die Kulisse eines längst abgedrehten Films, so verlassen liegt Bonn, das Bundesviertel, jetzt wieder da. Parkplätze gibt es plötzlich die Menge; nur noch die gepanzerten: Karossen der Polizei und des Bundesgrenzschutzes rumpeln gelegentlich durchs Quartier. Nach den – letzten Weihnachtsfeiernhaben die Abgeordneten der Bundeshauptstadt eilends den Rücken gekehrt – dem Ort, in dem sie ohnehin nur Termine haben, aber nicht leben.

Es wurde ja auch hohe Zeit, daß man sich aus den Augen kam. Das Unbehagen an den Koalitionsvereinbarungen, jedenfalls bei den Sozialdemokraten, die Sparzwänge, dazu die „Tornado“-Affäre und obendrein ein Parlament, das in der Anfangsphase der neuen Legislaturperiode noch nicht ausreichend beschäftigt ist, sondern sich Stimmungen und Verstimmungen hingeben kann – das alles schuf eine Atmosphäre, in der jeder jedem schon ziemlich auf die Nerven gehen konnte.

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Und die – internationale Lage. Keine Gelegenheit, die der Kanzler ausließe, um wieder ein düsteres Krisengemälde zu malen, von Polen über .Afghanistan bis zum Ölpreis und der weltwirtschaftlichen Situation überhaupt.

Zuletzt, bei der Verabschiedung Manfred Schülers und der Einführung von Manfred Lahnstein als neuem Chef des Kanzleramts, sprach er zum Beispiel davon, daß es „im kommenden Jahr wohl bisweilen an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit gehen“ werde, nicht nur im Amt, sondern ganz allgemein. Und den Bediensteten der Regierungszentrale wünschte er zum Mut zur Zukunft auch die „notwendige Tapferkeit“.

Lahnstein selber zitierte in seiner Antrittsrede gar den französischen Schriftsteller Albert Camus: Wenn denn jede Generation ihre vornehmste Aufgabe darin sehe, die Welt neu zu erbauen, so gehe es jetzt vielleicht um eine noch größere Aufgabe – nämlich darum, den Zerfall der Welt zu verhindern. Bonn erwartet das neue Jahr mit zusammengebissenen Zähnen. Der neue Kanzleramtschef hat seine Aufgabe so geräuschlos übernommen, wie sie von seinem Vorgänger vordem erfüllt worden ist. Keine Spur von Verlegenheit oder Beklemmung, obwohl er davon sprach, als er vor die Belegschaft der Regierungszentrale trat. Leise Töne zwar, aber viel Bestimmtheit und Selbstbewußtsein; überdies ein Mann von Gardemaß, das der blonde Schnauzer im jungenhaft eckigen Gesicht sozusagen noch unterstreicht.

Und sehr praktisch, wie so viele aus der Generation des Dreiundvierzigjährigen. Hatte er schon Camus’ düstere Devise zitiert, so wußte er auch gleich eine Nutzanwendung, zur Weihnachtszeit. Die Adressen und Konten jener, die zum Beispiel den Erdbebenopfern in Italien oder den kambodschanischen Flüchtlingen helfen, seien ja bekannt. Da gelte für jeden ein Satz, in dem ein Mann namens Erich Kästner die ganze sozial-ethische Philosophie zusammengefaßt haben: „Es gibt nichts Gutes – es sei denn, man tut es.“