Nicht aufregen! Ruhig bleiben! Höchstens ein bißchen philosophieren! Der Anlaß ist, daß wir in der Zeitung gelesen haben, wie beneidenswert gut unsere Sportler behandelt werden: Solche, die an den Olympischen Spielen wegen des bekannten Boykotts nicht teilgenommen haben und daher auch nicht siegen konnten, sollen dennoch, ihre Prämien (sprich leistungsbezogene Kostenerstattung) bekommen: so, als hätten sie teilgenommen und als seien sie lorbeergeschmückt, und medaillenbehangen heimgekehrt.

Die Rede ist von fast zwei Millionen Mark, die aus dem Sporthilfe-Spendentopf in die Taschen der fiktiv erfolgreichen Sportler fließen sollen, und natürlich erhebt sich sogleich im zuschauenden Publikum die Frage: Wieso? Belohnung für etwas, das gar nicht geleistet worden ist?

Da drängt sich doch die Überlegung auf, was wir kleinen Sportfreunde mit der verhinderten Olympiamannschaft gemeinsam haben. Wie sie waren auch wir nicht in Moskau. Wie sie haben auch wir nicht geturnt, sind nicht geritten, nicht gelaufen. Wie ihre nicht vollzogene und doch honorierte Leistung müßte, wenn es gerecht zuginge, auch unsere Nicht-Leistung geehrt und bezahlt werden. Und wenn nicht bezahlt, dann wenigstens geehrt.

Man mag uns Bundesbürgern allerlei vorwerfen. Mangelhaftes Rechnen nicht. Rechnen können wir. Wir sind jederzeit in der Lage, ideelle Werte – und sei es die sportliche Ehre – auf den wirklich wichtigen Nenner zu bringen, den finanziellen. Von hier aus sollten alle unsere Betrachtungen mit dem modernen Satz eingeleitet werden: „Wir müssen davon ausgehen, daß...!“

Wir müssen, wie wir hören, davon ausgehen, daß die bundesdeutschen Sportler in Moskau 48 Medaillen erobert hätten. Wie es zu erklären ist, daß „wir“ in Moskau besser abgeschnitten hätten als bei den Olympiaden in München (40 Medaillen) und Montreal (39), wissen wir nicht, hier ist unsere Intelligenz überfordert.

Aber deshalb keine Bange nicht; das kommt vor. Eben deshalb ist ja der Satz erfunden worden, daß wir immer von irgendeiner Sache ausgehen müssen, von irgendeiner Erkenntnis. Beispielsweise ist noch in manch’ Bundesbürgers Gedächtnis die Geschichte, wie einer unserer einst prominentesten Politiker davon ausging, daß er, wenn er nicht in den Widerstand gegen Hitler gegangen, sondern an der Universität geblieben wäre, wo er als Akademischer Assistent lehrte, gewiß Professor geworden und ein Ordinariat bekommen hätte, dazu Anrecht auf eine gute Pension.

Ich will nicht behaupten, daß er kein Recht hatte, von dieser Annahme auszugehen. Er hatte dieses Recht. Dessen ungeachtet und obwohl er eine untadelige Persönlichkeit war; dem die junge Bundesrepublik vieles zu verdanken hatte, hat die Öffentlichkeit Anstoß an seiner. Überlegung genommen. Nicht, daß er von einer bestimmten Annahme ausgegangen war, sondern daß er zu einem ganz konkreten, Ziel, das in D-Mark ausgedrückt werden konnte, gekommen war, ist ihm übelgenommen worden.