Von Thomas von Randow

Vor ein paar Wochen meldete eine der hohen Schulen der Mathematik, das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge an der amerikanischen Ostküste, eine Arbeitsgruppe der Universität habe ein Computerprogramm geschrieben, das innerhalb von nur zehn Stunden Rechenzeit die Antwort auf die Frage liefere, ob eine gegebene hundertsteilige Zahl eine Primzahl sei oder nicht. Eine Primzahl, dies zur Erinnerung, ist eine unteilbare Zahl, präziser: eine positive ganze Zahl, die nur durch sich selbst und durch Eins ohne Rest geteilt werden kann, sonst aber durch keine andere ganze Zahl. Primzahlen sind zum Beispiel 2, 3, 5, 7, 11 oder 101 oder auch 65537.

In der Meldung des MIT heißt es weiter, bislang würde die Bewältigung dieser Aufgabe Jahrhunderte in Anspruch genommen haben, mithin sei ein erheblicher Fortschritt erreicht. Wohin wir aber fortschreiten, wenn wir fortan nach zehn statt erst nach Millionen Stunden erfahren, ob eine Zahl mit hundert Stellen prim ist oder nicht, steht nicht in dem Bericht. Wer muß das eigentlich wissen?

Hat je einer von einem Brückenbauer: oder einem Atomphysiker gehört, der nach Primzahlen astronomischer Größe Ausschau hielte? Das fiele selbst Astronomen nicht ein. Der einzige Kommentar in der Pressemitteilung. zu diesem Punkt:„It pleases mathematicians“, es macht Mathematiker froh.

Primzahlen sind von jeher für Mathematiker, aber auch für Tüftler und Mystiker Anlaß zur Forschung und zur Meditation gewesen. Gelegentlich bedienten sich ihrer auch Gaukler, Wunderheiler und Religionsstifter. Zahlen war ren das erste Abstraktum, mit dem Menschen in Berührung gekommen sind; mithin ist es nicht verwunderlich, daß dem Unerklärlichen, dem Schicksal, der Liebe und dem Tod Zahlen zugeordnet wurden und daß vor allem die unteilbaren Sonderlinge unter ihnen die Rolle von Glücks- oder Unglückszahlen zu übernehmen hatten. Aller guten Dinge sind drei; wer schwindelt, läßt fünf gerade sein; die böse Sieben, die Unglück verheißende Dreizehn, sweet seventeen – Primzahlen sind sie allesamt. Drei Weisen kamen aus dem Morgenland, dreieinig ist die christliche Gottheit, dreimal schwarzer Kater schwört der Zauberer. Fünf Wunden hatte Christus, fünfzackig war der Linderung von Not und Krankheit verheißende Stern (und ist heute noch der Sowjetstern). Die beliebteste aller Zahlen, und dies in allen entwickelten Kulturen der Erde, ist die Primzahl Sieben. Weil sie den Chaldäern heilig war, haben wir sieben Wochentage. Sieben Weltwunder kannte die Antike, auf sieben Hügeln wurde Rom erbaut, sieben Weise gab es; sieben Löcher hat das Hufeisen, sieben Todsünden, fechten uns an, sieben Arme hat der heilige Leuchter, sieben sind der mageren und der fetten Jahre, das siebte Ehejahr gilt als problematisch. Newton teilte den Regenbogen in sieben Farben auf (es hätten ebensogut sechs oder acht sein dürfen). Undin demmärchen wimmelt mir so von Siebenen – da sind die sieben Schwaben, die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen, der Wolf und die sieben Geißlein.

Elf ist die von der Folklore vernachlässigte Primzahl Nur in Palästina gilt sie als Unglückszahl, was aber mit dem gefährlichen elften Tag der Malariakrankheit zu tun haben mag, an dem zum Beispiel Alexander der Große und Lord Byron dem Leiden erlagen.

Warum die Dreizehn fast überall in Europa eine Unglücksbringerin ist – nur in Süditalien verheißt sie Gück – ist eine Frage, die Volkskundler immer wieder einmal beschäftigt. Vielleicht ist dies eine Erklärung: Zwölf ist eine „teilerfreundliche“und darum, Glück bringende Zahl, nämlich, zwei mal zwei mal drei; daß ihr das „Gegenteil“ auf dem Fuße folgt, die Primzahl 13, mag an das Unglück mahnen, das den Glücklichen nur allzubald ereilt.