Von Jörg Beckmann

Ein Clown mit roter Nase, gelben Schuhen und unflätigen Redensarten hat Schwung in den französischen Wahlkampf gebracht. Der professionelle Spaßmacher Mittel Colucci, genannt Coluche, will es „den komischen Figuren da oben“ mal zeigen und bewirbt sich um das Amt des Staatspräsidenten.

Während sich die eine Hälfte der Franzosen wegen dieser offensichtlichen Frechheit vor Lachen den Bauch hält, sieht der Rest der Nation mit verwunderter Sorge und zunehmender Empörung, wieviel Zustimmung dieser Possenreißer erntet. Aus dem Nullstimmen-Kandidaten, der seine Kandidatur selbst zunächst als Thekenscherz begriff, ist inzwischen jemand geworden, mit dem die Demoskopen rechnen können.

Nach ersten Umfragen gaben ihm die Meinungsforscher zwölf Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang, bei der letzten Befragung vor wenigen Tagen kam Coluche gar auf 16 Prozent. Damit läge er hinter dem amtierenden Staatspräsidenten und dessen Herausforderer François Mitterrand in der Wählergunst auf dem dritten Platz.

Die Medien sind dem „Phänomen Coluche“ derweil seitenreich zu Leibe gerückt, keiner der anderen Kandidaten fand sich in den letzten Wochen so häufig in den Schlagzeilen. Analysen, Kommentare, Glossen häuften sich, und die entsetzten Stellungnahmen der Parteien und der ernsthaften Kandidaten heizten die Diskussion weiter an. Die Tageszeitung Le Figaro nannte in einer allgemeinen Klage über die Schlechtigkeit der Welt gar das Erdbeben in Italien und die Kandidatur des zotigen Coluche in einem Atemzug.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt lief ein neuer Coluche-Film in den Kinos an. Da nuschelt sich der Komiker als tapsiger Inspektor durch die Fährnisse des Polizistenlebens. Scheinbar ohne es zu beabsichtigen, schlägt seine tolpatschige Naivität in heißende Ironie um, unterläuft ihm Kritik an Staat, Polizei und Politikern, und er merkt es offensichtlich nicht einmal. Sein rundes, unschuldiges Gesicht bleibt immer gleich freundlich, der Bauchspeck legt sich über den Hosenbund: ein Riesenbaby, aber kein Bürgerschreck. Glas zu zersingen wie der hellsichtige Gnom aus Danzig, das kann er sich sparen, Coluche ist Präsidentschaftskandidat, und sein Publikum weiß es zu honorieren.

Karten für seine Vorstellungen im „Théâtre du Gymnase“ sind seit Wochen ausverkauft. Auf den besseren Platzes zu 100 Francs amüsiert sich die Schickeria, in den hinteren Rängen lacht das Volk. Die Späße von Coluche sind rauh und ohne Zwischentöne. Merde, auf deutsch Scheiße, ist sein Lieblingswort, und auch sonst redet er im Pariser Kaeipenjargon munter drauflos, schlägt auf die Polizisten ein, die zu schnell zur Waffe greifen, macht sich über die Grünen lustig und gibt den alltäglichen kleinen Rassismus der Lächerlichkeit preis. Zum Schluß der Vorstellung steht er umjubelt auf der Bühne, die Trikolore um den aufgeschwemmten Leib geschlungen, und ist nun Kandidat. „Präsident Coluche“, gröhlt der Saal.