So kühn ist nur Kino.’Mit provozierender Direktheit stürmt ein junger englischer Filmer auf das hinter Bollwerken von Sekundärliteratur fast verschwundene (wahrscheinlich) letzte Bühnenwerk Shakespeares ein. Alle Kathedralen staatsphilosophischer, philologischer, poetischer Interpretation wegsprengend, die über diesem Text errichtet wurden, den der siebenundvierzigjährige Dramatiker fünf Jahre vor seinem Tod geschrieben hat, stürzt sich der achtunddreißigjährige Regisseur und Bearbeiter Derek Jarman in die phantastische Abenteuergeschichte, die den Kern dieses Märchenspiels bildet. Das Ergebnis ist ein in düsteren Farben glühender, bildersüchtiger, geräuschtrunkener Film, der in jeder seiner 95 Minuten rätselhafter wird – und so dem Original auf geheimnisvolle Art näherkommt.

Der Film beginnt als Alptraum – und 10 endet er. Wir hören den schweren Atem eines von Nachtmahren gepeinigten Schläfers. Oder ist es doch nur das Rauschen des sturmgepeitschten Meeres? Wir sehen einen Himmel Von giftigem Blau. Davor ziehen Wolken. Dann die (mit Blaufilter aufgenommenen)-Bilder einer kochenden See. Dies sind nicht Photographien, sondern Traumbilder des sich in schmuddelig gen Kissen wälzenden „Zauberers“ Prospero.

Der ist nicht, wie in den meisten Inszenierungen fürs Theater, ein über irdischen Mächten thronender, überirdische Gewalten beherrschender Weiser und also: Alter, sondern ein unrasierter, in seine Forschungen verliebter, von (Zauber-) Formeln faszinierter junger Gelehrter mit wilder roter Mähne: In Jarmans Film ist es auch gar kein Schauspieler, sondern der auch bei uns (als Autor und Schauspieler bei Peter Lilienthals „Malatesta“) bekannte Schriftsteller und Amateur-Zauberer Heathcote Williams;

Die Besetzung der zentralen Rolle mit einem neugierig vitalen Mann krempelt das ganze Stück um – so wie wir es aus deutscher Spieltradition kennen.

Der nicht über dieser Welt stehende Zauberer erlebt/erleidet den von ihm inszenierten Schiffbruch seiner Gegner als quälenden Traum. Wir sehen ihn und die Tochter Miranda sich unter der Bild-Folter von Traumgesichten im Bett wälzen.

Von diesem wüsten Beginn, in den die Bilder eines kenternden Schiffes montiert sind, schlägt sich der Bogen zum Schluß: Da hören wir wieder das Atmen und Meeresrauschen und Shakespeares Verse (in diesem glücklicherweise nicht synchronisierten, sondern untertitelten Film): „Wir sind aus solchem Stoff, wie der zu Träumen, und dies kleine Leben umfaßt ein Schlaf.“

Und dazwischen? Traum-Bilder, düstere Interieurs, nur von Kerzen erleuchtete Räume (der verfallenden Stoneleigh Abbey bei Coventry), Bilder wie: kopiert nach alten Gemälden, (der Regie führende ehemalige Maler und Bühnenbildner hat drei Filme für Ken Russell ausgestattet), Meer- und Dünen-Landschäften von frostiger Einsamkeit im Schatten der Trutzburg Bamburgh Castle an der Küste von Northumberland. Jarman stößt uns in Shakespeares Zeit und reißt uns zugleich in die Moderne: Kostüme, die jede(r) tragen könnte, historische Sprache, alte Architektur und urtümliche Landschaft tragen dazu, bei, den Betrachter in jenes Zwischenreich zu versetzen von Wachen und Traum, Realität und Vision, Wirklichkeit und Illusion, in dem Shakespeare sein (wahrscheinlich) letztes Stück ansiedelt.