Von Peter Wapnewski

Dieses Buch ist jener Kategorie von Kunst zuzuschlagen, der gegenüber das ästhetische Urteil versagt. weil der Gegenstand der Vorstellung alles Vorstellungsvermögen des Menschen sprengt und allenfalls den Höllenvisionen wüster Schreckensphantasien vorbehalten war – und doch sich ereignet hat, zu unserer Zeit, in unserem Namen. Der Tod War ein Meister aus Deutschland und brachte den Holocaust. Das nicht Schilderbare schildert das Buch von –

Leslie Epstein: „Der Judenkönig“, Roman, aus dem Amerikanischen von Maria Poelchau; Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 1980; 396 S., 36,– DM.

Ginge es nur um den „King of the Jews“ (so der amerikanische Originaltitel), ginge es nur um Isaiah Chaim Trumpelman, dann ließe sich das Ganze wohl einordnen in die Romantradition, die es zu tun hat mit großen Schelmen und bizarren Charakteren, mit Helden und genialen Betrügern, mit komischen Figuren aus der Picaro-Tradition. Denn alles dies ist I. C. Trumpelman, ein Jude aus Litauen (wenn wenigstens dies stimmen sollte), ein Messias und Betrüger, ein Moses und ein Lügner, ein Held und ein Feigling, ein Mystiker und ein Demagoge. Und vieles andere mehr doch, jedenfalls ein Mann von absurdem und strahlendem Charisma, und dazu mit Charme und Zärtlichkeit begabt, ein großer Freund der Kinder zumal.

Zur Entfaltung seiner sehr besonderen Gaben bedurfte es freilich einer sehr besonderen Zeit. Wäre alles normal gelaufen, oder doch so, wie man es als normal zu empfinden sich gewöhnt hat, dann hätten seine kleinen oder größeren Betrügereien I. C. Trumpelman in das schattenstreifige Abseits einer gesellschaftlichen Randzone verwiesen. Nun aber kam Hitler und sein Krieg in die ungenannte polnische Stadt, in der Trumpelman sich als praktizierender Arzt niedergelassen hat; und der bisher ein undurchsichtig vages Privatschicksal hatte, wird nun zum Schicksal für andere. Denn Hitler und sein Besatzungsheer machen aus diesem Manne, was er auf furchtbare Weise wird: Ebenbild der Exekutoren jenes mörderischen Regimes, das ihn zum Untermenschen, zum Nicht-Menschen degradiert und ihn im Vollzug des infernalischen Verwaltungssystems der Eroberer zwingt, das sogenannte jüdische Problem, das ja offenbar ein deutsches war, in die eigene Hand zu nehmen. Das aber heißt, Zum Handlanger auch des Mordens am eigenen Volk zu werden.

Denn dies ist ja geschehen, und Geschichteschreibung und allen voran Hannah Arendt haben sich, schaudernd vor ihrem Gegenstand, mit diesem Fall auseinandergesetzt: Judenräte wurden auf Befehl der Eroberer gebildet, die nicht nur das Getto Zu regieren und zu verwalten hatten, sondern denen das furchtbare Geschäft überantwortet würde, die Listen für die Deportation aufzustellen, die eigenen Leute auszuliefern, die Waggons für die Fahrt in die Vernichtungslager zu füllen.