Von Klaus Viedebantt

Gewiß, es gab Warnungen. Aber wer glaubt schon an eine Katastrophe am Weihnachtsmorgen?“ Jack Ellis, Chef vom Dienst in der örtlichen Tageszeitung Northern Territory News, fingert in einem Papierstapel neben seinem Schreibtisch herum und zieht seine letzte Wochenendausgabe heraus: „Hier, wir haben jetzt wieder drei Seiten für die Zyklonwarnung dieser Saison freigemacht, mit Lageplänen der öffentlichen Schutzgebäude und mit allen Ratschlägen, die wir nur geben können. An Warnungen fehlt es wahrlich nicht...“ Und wenn in diesen Weihnachtstagen wieder ein zerstörerischer Sturm über die Timor-See heranbraust? Jack zieht die Schultern hoch, voller Pessimismus.

Am Heiligen Abend 1980 sind es sechs Jahre her, daß der Zyklon „Tracey“ die Stadt Darwin dem Erdboden gleichmachte. In den frühen Morgenstunden erreichte der Wirbelsturm die Hauptstadt des australischen Nordterritoriums, fünf Stunden tobte er über der kleinen Halbinsel im Beagle Gulf, mit Windgeschwindigkeiten von maximal 200 Stundenkilometern: Als die Bürger von Darwin schließlich aus ihren Verstecken kletterten, war ihre Stadt zertrümmert. Neunzig Prozent aller Gebäude waren vernichtet, nur eine Handvoll Häuser hatte dem Desaster standgehalten. Aus den mit Weihnachtsschmuck makaber verzierten Schutthaufen wurden nach und nach 65 Tote und viele hundert Verletzte geborgen. Eine Stadt mit 43 000 Einwohnern war plötzlich obdachlos – schlimme Schlagzeilen mitten im seligen Weihnachtsfrieden.

Am „Boxing Day“, dem zweiten Feiertag, begann die Evakuierung, aus ganz Australien trafen Helfer ein, alle Fluglinien stellten Maschinen für die Darwin-Flüge ab. Die reisefreudigen Australier, die Weihnachten als ihre sommerliche Haupturlaubszeit zu feiern pflegen, verschoben klaglos ihre Ferienflüge. Ganz nebenbei sorgte das traurige Ereignis für einen bis heute ungebrochenen Weltrekord: Ein- Qantas-Jumbo flog 674 Opfer aus dem Katastrophengebiet, die höchste Zahl von Passagieren, die je in einem Flugzeug transportiert wurde.

Als die erste Hilfe geleistet war, standen Bürger und Regierung vor der Frage, ob man das Ruinenfeld wieder aufbauen oder endgültig dem tropischen Urwald ringsum überlassen sollte. Schließlich war „Tracey“ bereits der dritte Zyklon, der dieser erst gut hundert Jahre alten Stadt übel mitgespielt hatte.

Ihre kurze Historie hatte schon mit einem zähen Kampf der ersten Bewohner gegen die unwirtliche Natur begonnen. Bevor die heutige Stadt 1863 unter dem Namen Palmerston gegründet wurde, hatten wackere Pioniere bereits viermal vergeblich versucht, an der Bucht eine Siedlung zu etablieren. Temperaturen über vierzig Grad, tropische Stürme und ein schwer zu bestellender Boden machten den Versuchen jeweils ein vorzeitiges Ende.