Stuttgart

Der Schwarzwälder Bote aus dem Neckarstädtchen Oberndorf nimmt für sich in Anspruch, die älteste Tageszeitung Baden-Württembergs zu sein. 1945 stuften die französischen Besatzer das Blatt als politisch unbelastet ein und ließen es wieder erscheinen. Seit Anfang Dezember aber stehen Wolken über der liberalen Gazette. In einer Meldung von 19 Zeilen Länge rückten „Verlag und Redaktion“ von einem Kommentar ab, der wenige Tage zuvor just in dieser Zeitung erschienen war. Thomas Mertens, Lokalredakteur in dem 12 000-Einwohner-Städtchen Blumberg hart an der Schweizer Grenze, hatte mit seinem SPD-Bürgermeister Werner Gerber abgerechnet. „Diskriminierende oder disqualifizierende Äußerungen“ entdeckte Schwabo-Chefredakteur Wilhelm Greiner in einigen Passagen des Kommentars und entschuldigte sich bei Betroffenen und Lesern.

Mertens wiederum, der bei den Gesprächen zwischen Greiner und der Blumberger Lokalszene nicht dabei war, revanchierte sich mit einer Strafanzeige wegen „Nötigung und Erpressung“. Denn er hatte erfahren wollen, daß Stadträte der CDU und der SPD eine Unterschriftenaktion zum Abbestellen des Schwarzwälder Boten in Blumberg starten. Dies hätte das Oberndorfer Blatt mit seiner weit verstreuten Auflage empfindlich getroffen. Denn in Blumberg streiten sich auch noch der Südkurier aus Konstanz und die Badische Zeitung aus Freiburg um die Leser,

Hintergrund der Affäre waren umstrittene Anliegerbeiträge in Blumberg, deren Einzugsverfahren der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württembergs in einem anderen Ort für unzulässig erklärt hatte. Statt nun aber die Gebührensatzung sofort aufzuheben, wollte der Bürgermeister den Gemeinderatsbeschluß ins neue Jahr hinausschieben. Protestierende Anlieger und die liberale Minderheit im Gemeinderat, die auf Eile drängten, wurden als „Unruhestifter“ bezeichnet. Gerber bequemte sich nur dazu, das Gerichtsurteil im Gemeinderat vorzulesen, „herunterzuleiern“, wie Thomas Mertens schrieb, mit „Stottereien bei Fremdwörtern“, eine „ermüdende Tortur“. Mertens machte seinem ganzen Ärger Luft. Nicht nur im Kommentar, sondern auch im Bericht.

Was in einer Redaktion normalerweise unter Kollegen ausgemacht wird, geriet in Blumberg zur öffentlichen Affäre. Bürgermeister Gerber bat, wie er im Gemeinderat sagte, Schwabo-Chef-Redakteur Greiner zu sich. Mertens wurde nicht dazugebeten. Statt dessen erfuhr der Lokalredakteur aus dem eigenen Blatt, wo er gesündigt habe. Unterdessen weist die große Koalition aus CDU und SPD den Verdacht weit von sich, Unterschriften gegen den Boten gesammelt zu haben. Greiner selbst versichert, keine „Sanktionen“ über Mertens zu verhängen. Nur die Blumberger FDP hält noch zu Lokalredakteur Mertens. Was der Bürgermeister eine „Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht“ nennt, enthalte nur dessen kommunalpolitische Sicht. Jörg Bischoff