Hungerstreik in Belfast

Von Karl-Heinz Wocker

London, im Dezember

Von oben gesehen bilden mehrere Gebäude des Maze-Gefängnisses in Belfast die Form eines „H“. Dieser Buchstabe ist. jedem Iren geläufig; er steht entweder für britische Unterdrückung oder für Sicherheit vor ein paar hundert Terroristen. Im H-Block Nummer eins hat sich das Stück abgespielt, das wochenlang eine Tragödie zu werden drohte, dann aber plötzlich einen Schluß nahm, der das Publikum verunsicherte. Als jedermann den fünften Akt erwartete, ging der Vorhang herunter, der Hungerstreik war beendet.

Am Donnerstagnachmittag wurden in Belfast, Dublin und London noch die Sicherheitsmaßnahmen erörtert, die nach dem Tod des schwächsten der Streikenden nötig sein müßten. Am Freitagmorgen wurde dann mitgeteilt, sechs der sieben Häftlinge hätten ein ärztlich dosiertes Frühstück zu sich genommen. Der siebte, Sean McKenna, war nachts ins Belfaster Musgrave-Park-Zivilkrankenhaus gebracht worden und willigte in medizinische Behandlung ein.

Mehr noch: Nach vier Jahren verweigerter Zellendisziplin wollen Hunderte inhaftierte IRA-Angehörige wieder ordentlich gekleidet sein, kein Mobiliar mehr zerschlagen, sich waschen und ihre Exkremente nicht länger an die Wände schmieren. Die Sondertrupps in ihren klinischen Schutzanzügen brauchen nicht länger die Zellen zu desinfizieren. Die verbotene Irisch-Republikanische Armee (IRA) will durch die komplette Preisgabe aller Boykottmaßnahmen den Eindruck verstärken, einen vollständigen Sieg errungen zu haben. Ihr Sprecher erklärte im britischen Fernsehen, natürlich könne man nicht erwarten, daß die Regierung in London die Niederlage zugebe. Aber sie habe mit der IRA verhandelt, sie habe Forderungen akzeptiert und somit die IRA praktisch als politischen Partner anerkannt, wenn auch als gegnerischen Partner.

Nordirland-Minister Atkins sieht das ganz anders. Seine Regierung habe den Streikenden klipp und klar gesagt, sie könnten niemals darauf rechnen, als politische Gefangene oder als Kriegsgefangene angesehen zu werden. Eine unterschiedliche Behandlung der Häftlinge im Maze-Gefängnis werde es nicht geben. Das hört sich an, als stünden beide Seiten, wieder dort, wo sie standen, als der Streik begann. Dem ist nicht ganz so, auch wenn Atkins und seine Chefin, Margaret Thatcher, energisch auf dem Prinzip beharren, Mörder, seien Mörder.