In der Heiligen Stadt wird nicht geschossen – aber vom Frieden kann auch keine Rede sein

Von Dietrich Strothmann

Israels Annexionspolitik geht weiter. Während die Autonomieverhandlungen für die Palästinenser in den besetzten Gebieten eingefroren sind, nahm Begins Regierung Ende Juli als erstes Jerusalem per Gesetz in Besitz; nächste Woche sollen die ehemals syrischen Golan-Höhen an der Reihe sein. Verschleudert Israel so die Chancen zu einer Versöhnung mit den Arabern, seinen Nachbarn?

Bethlehem ist nicht weit, die Weihnachtsstadt, Am Heiligen Abend ist Hochbetrieb auf dem Platz vor der Geburtskirche. Es ist eine arabische Stadt, fünfzehn Autominuten von Jerusalem entfernt, fast schon ein Vorort der israelischen Hauptstadt. Bethlehem ist aber noch immer eine besetzte Stadt. Über dem Kirchplatz weht die weiße Fahne mit dem blauen Davidsstern, die Menge der vielen tausend Pilger wird am Heiligen Abend von israelischen Soldaten bewacht. Vor zwei Wochen war es auch in Bethlehem zu Zusammenstößen aufgebrachter Araber mit israelischem Militär gekommen.

Sonst ist es eine ruhige Stadt, wie Jerusalem. Wird es, wie die Metropole auf den sieben Bergen oberhalb des Jordantales und des Toten Meeres, noch lange eine ruhige, wenn auch nicht ganz friedliche Stadt sein? Kommt etwa das nächste Mal auch in diesen beiden uralten Städten des biblischen Friedens das Feuer?

Teddy Kollek, der „Mr. Jerusalem“ aus Wien, wird bei seinen Streifzügen durch die Altstadt von keinem Leibwächter begleitet. Er fährt keinen gepanzerten Wagen, trägt keine Pistole in verstecktem Halfter. Jerusalems Bürgermeister, seit dem Juni 1967 stets mit großer Mehrheit gewählter Regent über die beiden Jerusalems, kennt keine Angst. Er braucht sie auch, trotz mancher Morddrohungen, nicht zu haben.

Der ehemalige Mitarbeiter Golda Meirs und politische Gegner Menachem Begins tut viel für die Araber in seiner, in Israels Stadt: Er läßt ihre alten Viertel sanieren, Schulen, Kindergärten, Wohnungen und Krankenhäuser bauen. Er fliegt um die halbe Welt, damit er Geld für sein arabisches Aufbauprogramm zusammen bekommt. Er will, daß Jerusalem vereinigt und Israels Hauptstadt bleibt, daß es ein Modell für jüdisch-arabische Koexistenz wird – das vor allem. Die einstmals schönste Stadt der Welt soll auch ihre friedfertigste werden – weder zerschnitten wie Berlin, noch zerschossen wie Belfast.