Ein altes Kind und süchtiger Sammler konserviert seine Träume

Von Petra Kipphoff

Ein dunkel lackierter, an der Vorderseite Verglasten Holzkasten, nicht groß und nicht klein, ungefähr dreißig Zentimeter tief und innen nach Art einer Vitrine, einer Puppen-Vitrine, mit Glas in sieben unterschiedlich große Fächer Unterteilt; vor dem Hintergrund der an der Rückwand aufgeklebten, leicht vergilbten „Carte geographique de la lune“ steht links ein Likörglas mit einem zartblau getönten, goldgesprenkelten Ei; liegt in der Mitte eine weiße Tonpfeife zum Seifenblasenmachen (in drei flachen Fächern darunter jeweils eine runde Glasscheibe); steht rechts auf einem kleinen Sockel ein wiederum hellblau und goldener Puppenkopf im obersten Querfach schließlich hängen, über die ganze Kastenbreite verteilt, vier hölzerne Zylinder, zwei weiß lackiert und zwei beklebt mit Reproduktionen aus alten Stichen zum Thema Mond.

Man muß einen Kasten von Joseph Cornell schon einmal so genau beschreiben (wobei diese Beschreibung so viel über diesen wundersamen Kasten sagt wie ein Skelett über einen Menschen), um einen inventarischen Eindruck zu geben von Cornells phantastischem Versuch, eine Welt in ihren Fragmenten zu beschwören, sie im hölzernen Viereck einzufangen und gleichzeitig unter dem Glas zum Blühen zu bringen.

Man bleibt vor diesen abgeschlossenen, aber einsehbaren Wunderkammern der Erinnerung, zu denen das englische Wort cabinet so viel besser paßt als das deutsche Kasten oder Schrank, lange stehen, läßt den Blick in die Ecken und hinter die Glaskugeln wandern oder von einem Spiegel in die entgegengesetzte Richtung schicken, versucht, kleine Schriftrollen um die Rundung herum und verblichene Annoncen durch die Vergilbung hindurch zu entziffern. So hat man sich als Kind durch des Schaufensterglas hindurch in der Auslage eines Spielzeugladens verloren oder in den Untiefen eines Fischbassins, ist mit dem Blick in einem Schmetterlingskasten oder in einem Glassturz mit ausgestopften Vögeln hängengeblieben, hat einem Schiff nachgesonnen, das in einer Flasche auf Reisen geht.

Man kann eine große Liste der kleinen Dinge aufstellen, mit denen Joseph Cornell die Kästen, die er baut, ausstaffiert: Glaskugeln, Muscheln, Korken, Kompasse, Gläser, Uhrfedern, Hotelannoncen, Sternbildkarten, Reproduktionen von Kinderbildnissen der italienischen Renaissance, Photos von Ballerinen und Schauspielerinnen, ausgesägte Papageien und Eulen. Aber dieses anscheinend willkürliche Chaos der Fragmente sortiert sich auf den zweiten Blick zu einer Ordnung der immer wiederkehrenden Obsessionen. Durch die Logik der Phantasie gelangt jedes Stück, von Cornells Blick und Hand gelenkt, in seinen Platz, fügt sich ein in den kleinen Kosmos, der ihm bestimmt ist. Und so, wie die Collage-Teile sich zu Schau-Kästen zusammenfügen, ergänzen sich die Kästen zu Themen.

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