ARD, Montag, 29. Dezember, 21.30 Uhr: "Berlin Alexander platz". Film von Rainer Werner Fassbinder. 13. Folge.

23.00 Uhr: Epilog "Mein Traum vom Traum des Franz Biberkopf.

Fassbinders Döblin-Verfilmung "Berlin Alexanderplatz", deren letzte Folge nun bevorsteht, hat das Publikum gespalten wie kaum eine andere Fernsehserie zuvor. Schenken wir uns das bequeme Argument, eine Provokation sei an sich schon was wert; schweigen wir auch von jenen Mäkeleien und Ressentiments, die immer dann hochkommen, wenn einer es riskiert, besser zu sein als der pure Durchschnitt. Dann bleibt als gewichtige Tatsache, daß Fassbinders Film nicht nur bei den Dalli-Dalli-Fans auf Kritik, Unverständnis und Ablehnung gestoßen ist.

Dies hat, grob sortiert, vor allem zwei Gründe, einen äußeren und einen inneren. Der innere Grund liegt in der Sache selber. Die Geschichte des Franz Biberkopf ist, wenn man sie ernst nimmt und nicht als literarisches Erbstück einmottet, schockierend. Sie ist mindestens so schlimm wie das Leben, und jeder, der sagt, das will ich nicht ansehn müssen, hat für sich recht. Fassbinder spitzt den Roman auf ein Beziehungsdrama zu, indem er das Thema Großstadt zurücktreten läßt. Er radikalisiert die Personen und ihre Konflikte, und er weicht nicht in Genre-Szenen aus.

Dieser Film ist Fassbinders Lesart des Romans, und daran kann sich nur stören, wer der Ansicht ist, von literarischen Kunstwerken könne es nur eine einzige richtige Interpretation geben. Ich denke, daß sich die Bedeutung eines Werks im jeweiligen Lektürevorgang entfaltet und daß prinzipiell jede Lesart stimmt. Die eine mag plausibler sein als die andere, aber wer in "Berlin Alexanderplatz" einen mit Joyce zu vergleichenden, moderne Mittel wie Montage und Perspektivenwechsel verwendenden Roman sieht, hat ebenso recht wie der, der darin die Geschichte einer tragisch scheiternden Männerliebe erblickt. Ich habe durch Fassbinders Film Döblins Roman neu und anders sehen gelernt.

Der äußere Grund für die Kritik an dieser Serie liegt in der simplen, aber weithin unbegriffenen Tatsache, daß das Fernsehen ein Nivellierungsapparat ist, der das Herausragende aus Selbstschutzgründen nicht oder nur mühsam zu dulden vermag. Diesen plötzlichen Qualitätsschub, diese Zumutung und Anstrengung hätte das deutsche Fernsehen fast nicht verkraftet. Eilig schob man die Serie auf einen späteren Termin, und Fassbinders Epilog hat die ARD mit Fleiß so weit in die Abendstunden gerückt, daß nur unter chronischer Schlaflosigkeit leidende Menschen in Gefahr geraten, nicht abzuschalten.

Einen Film, der sich nicht der üblichen Seriendramaturgie unterwirft, sondern sich in einem langen und mächtigen Atem entfaltet, hat man in vierzehn Wochenportionen gestückelt. Der im Fernsehen nicht denkbare Idealfall wäre gewesen: vier Abende hintereinanderweg, von abends sechs bis um zehn, Imbißpause inbegriffen und, wenn was Wichtiges passieren sollte, fünf Minuten Tagesschau.