Madrid, Hotel Melia Castilla: Der schlichten Szene mochte das Zeremoniell fehlen, aber nicht ein rührender Anflug von Weihe. In dem gesichtslosen Konferenzsaal, in dem fünfhundert Delegierte und Beobachter aus fünfzig Ländern zum Kongreß der Sozialistischen Internationale (SI) im November versammelt waren, wurden acht Männer namentlich aufgerufen und zum Präsidenten auf das Podium gebeten. Ernst, mit gemessenem Schritt, gingen sie an den grauen Schmuckfelsen aus Pappmaché vorbei, die in vier Sprachen das Lösungswort „Frieden – Freiheit – Solidarität“ trugen, und traten vor Willy Brandt, den Präsidenten der SI. Der war aufgestanden und begrüßte sie mit einem kräftigen Handschlag und mit einer brüderlichen Umarmung. So wurde dokumentiert: Von jetzt an gehört ihr dazu.

Die acht waren die neu aufgenommenen Mitglieder der Sozialistischen Internationale. Einer kam aus Ekuador, der zweite von der kleinen Karibik-Insel Grenada, der dritte aus dem Libanon, der vierte aus Guatemala, einer aus Israel, zwei von zwei verschiedenen Inseln der niederländischen Antillen, deren Namen noch nie jemand gehört hatte, und einer aus dem armen Obervolta. Jeder von ihnen repräsentierte in seinem Land, auf seiner Insel, eine linke Bewegung oder Partei, die stolz darauf ist, das Beiwort „sozialistisch“ oder „progressiv“ im Namen zu führen.

Anschließend paradierten die acht am Präsidiumstisch vorbei, um die Glückwünsche der Vizepräsidenten entgegenzunehmen. In den Augen der Neuen müssen sie sich wie eine Sammlung von Klassikern ausgenommen haben. So eindrucksvoll symbolisierten sie den Weg der europäischen Arbeiterbewegung von Karl Marx bis Willy Brandt, daß manche schon wie ihre eigenen Denkmäler wirken: Joop den Uyl (Vorsitzender der niederländischen Arbeiterpartei), Giuseppe Saragat (Ehrenvorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Italiens), Schimon Peres (Chef der israelischen Arbeiterpartei), François Mitterrand (Chef der französischen Sozialisten), Mario Soares (Vorsitzender der sozialistischen Partei Portugals), Felipe Gonzales (Vorsitzender der spanischen Sozialisten), Olof Palme (Vorsitzender der schwedischen Sozialisten), Anker Jorgensen (Ministerpräsident von Dänemark, Vorsitzender der dänischen sozialdemokratischen Partei) und Bruno Kreisky (österreichischer Bundeskanzler und Vorsitzender der sozialistischen Partei Österreichs). Und für die Dritte Welt saßen am Vorstandstisch: Leopold Senghor (Staatspräsident von Senegal, Vorsitzender der Sozialistischen Partei Senegals), Daniel Oduber (früherer Staatspräsident von Costa Rica, Chef der nationalen Befreiungspartei von Costa Rick), Michael Manley (Führer der Nationalen Volkspartei in Jamaika) und Anselmo Sule (Vorsitzender der Radikalen Partei Chiles). Verglichen mit diesen welterfahrenen, etablierten, mächtigen oder mindestens einflußreichen Politikern weckten die acht neuen SI-Mitglieder in ihrem Eifer dazuzugehören viel eher Assoziationen an ihre europäischen Brüder, im neunzehnten Jahrhundert. Schon ihrer äußeren Erscheinung, den gezeichneten Gesichtern, und der einfacheren Kleidung war anzusehen, daß sie bislang nicht an Konferenztischen diskutiert, sondern weiter vorn an der Front gekämpft hätten – so wie jene Arbeiter in Deutschland, England, Frankreich, Polen, Italien und Skandinavien, an die Karl Marx und Friedrich Engels im Februar 1848 im „Kommunistischen Manifest“ den zentralen Auftrag der beginnenden Arbeiterbewegung richteten: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Ohne den bald 120jährigen Hintergrund ist die Bedeutung der Sozialistischen Internationale, wie sie sich zuletzt in Madrid präsentierte, nicht zu verstehen. Auf Initiative englischer und französischer Sozialisten wurde sie 1864 in London zum erstenmal gegründet. Karl Marx verfaßte die „Inauguraladresse“. Der Zweck der Assoziation, definierte er, sei die „Herstellung eines Mittelpunktes der Verbindung und des planmäßigen Zusammenwirkens zwischen den in verschiedenen Ländern bestehenden Arbeitergesellschaften, welche dasselbe Ziel verfolgen, nämlich: den Schutz, den Fortschritt und die vollständige Emanzipation der Arbeiterklasse“;

Die Idee trägt bis heute. Dabei wurde die Vorstellung von der Gleichheit der Ideale und Ziele der Arbeiter aller Nationen mehrfach bitter zuschanden. Die erste Internationale geriet in die Krise, als 1868 der russische Anarchist Bakunin beitrat und sie mit seinen Anhängern ruinierte; Die zweite Internationale, 1889 zum einhundertsten Jahrestag der großen Französischen Revolution gegründet, zerbrach bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Der Kampf mit der von Lenin 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale (Komintern siehe Kasten, S. 10), die unter Moskaus Kontrolle stand und ein Instrument der sowjetischen Außenpolitik war, spaltete die Sozialdemokraten. 1923 gründeten sie in Hamburg die „Sozialistische Arbeiterinternationale“. Die Bezeichnung „Dritte Internationale“ wagten sie ihr nicht zu geben, da die Komintern diese Bezeichnung für sich in Anspruch nahm (Spötter nennen sie „die zweieinhalbte“). Der Zweite Weltkrieg machte ihr ein Ende. Nach jahrelangen Vorbereitungen wurde 1951 in Frankfurt am Main eine neue Sozialistische Internationale ins Leben gerufen. Die Hoffnung, die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung beenden zu können, erwies sich schnell als trügerisch. Moskau ließ keinen Zweifel daran, daß es die Grundprinzipien der Sozialistischen Internationale nicht akzeptierte.

Die Prinzipienerklärung, die 1951 in Frankfurt am Main verabschiedet wurde, setzte einen Schlußpunkt hinter die Auseinandersetzungen, die die sozialistische Bewegung seit Beginn der kommunistischen Revolution bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zutiefst aufgewühlt hatten. Die beiden wichtigsten Programmpunkte betrafen das Prinzip der Freiheit („Es gibt keinen Sozialismus ohne Freiheit“) und das Bekenntnis zum humanitären Sozialismus („... verwirft jedes totalitäre System, weil es die Würde des Menschen schändet“). Verbindliche Theorien des Sozialismus wurden nicht entwickelt, statt dessen hieß es: „Der demokratische Sozialismus ist eine internationale Bewegung, die keineswegs eine Gleichförmigkeit der Auffassungen verlangt. Gleichviel, ob Sozialisten ihre Oberzeugung aus den Ergebnissen marxistischer oder anders begründeter sozialer Analysen oder aus religiösen oder humanitären Grundsätzen ableiten, alle erstreben ein gemeinsames Ziel: eine Gesellschaftsordnung der sozialen Gerechtigkeit, der höheren Wohlfahrt, der Freiheit und des Weltfriedens.“

Die Reaktion der Kominform (1947 gegründet) auf die Neugründung der SI verdient als bizarre Fußnote zur damaligen Zeit festgehalten zu werden. In ihrem Organ war zu lesen: „Frankfurt am Main war vorige Woche Zeuge einer Versammlung von abgefeimten Agenten der Wall Street – rechtssozialistische Führer, die mit großem Getöse eine Neuschöpfung der .Sozialistischen Internationale’ verkündeten. Im buntscheckigen Haufen dieser neugebildeten Agentur von Verrätern und Helfershelfern der Kriegshetzer, die mit den Generalstäben, dem Spionagedienst und den herrschenden Banden der kapitalistischen Länder eng verbunden sind, befanden sich der Sekretär der britischen Arbeiterpartei, Morgan Phillips, Lautsprecher für die amerikanisch-britische Aufrüstung, Jules Moch, amerikanischer Polizeichef in Frankreich, Schumacher, führender agent provocateur in Westdeutschland, Saragat, eingefleischter Verräter der italienischen Arbeiterklasse, und Spaak, reich geworden durch den Verkauf von Uran, das durch Sklavenarbeit in den Bergwerken im belgischen Kongo gefördert wird. Unter anderen, die dort anwesend waren, gab es „Vertreter‘ der Länder Osteuropas. – Rechtssozialisten, bloßgestellte und ausgespielte Geheimagenten, die aus den Ländern der Volksdemokratien geflüchtet waren, um dem Zorn des Volkes zu entkommen ... Aber das arbeitende Volk der Welt“, schloß der Artikel, „weist mit Verachtung diese Polizei-Internationale zurück, die zum Zwecke geschaffen wurde, um die monströsen Pläne zur Beherrschung der Welt durch die amerikanischen Imperialisten zu rechtfertigen und zu unterstützen...“