Fünf Tage über den Skrang zu abgelegenen Iban-Stämmen

Von Jürgen Dauth

Manggi, der Bootsmann, der sein Langboot dem Quellgebiet des Skrang-River entgegensteuert, hatte mich vor drei Tagen am Mittellauf des Flusses aufgenommen. Seither glitt das Boot fast lautlos durch die jetzt vor der Monsunzeit seichten Brackwasser des Dschungelstroms.

Die Ruhe in diesem jungfräulichen Urwald ist ebenso betörend wie die Schwüle, eine von abertausend Düften gewürzte Luft. Vom Regenbaum klatschen die blutroten, wächsernen Blüten ins Wasser, Gummibaumarten fügen weiße Farbtupfer hinzu. Ein spontanes, minutenlanges Konzert riesiger Zikaden, ein lautstarker Streit in einer Affenfamilie – dann wieder Stille. Nur die Moskitoschwärme sind unermüdlich. Giftig summend fliegen sie ihre Angriffe gegen das Moskitonetz, das vom Buschhut über Gesicht und Nacken fällt.

Wir haben die Langhäuser Murat und Pancho hinter uns gelassen und damit die Trampelpfade der Touristen umgangen, die hier Sticker aus ihrer Heimat an die Wände kleben, um nachfolgenden Gruppen ja nicht die Illusion eines unberührten Abenteuers zu gönnen. Entalau, ein in rechteckigem Winkel angelegtes Doppellanghaus ist unsere letzte Station am Rande der langsam aber sicher vordringenden Zivilisation. Legan, der Chief, herrscht über 26 Langhäuser mit insgesamt 2036 Bewohnern. Vom Staat ernannt, als eine Art Landrat fungierend, führt er Geburtenstatistiken und Grundbuchregularien. Legan ist 30, nur noch spärlich tätowiert: ein paar Blumenmuster an der rechten und linken Schulter und eine Tätowierung aus seiner Soldatenzeit. Da sitzt er, serviert Reisschnaps auf einem Furniertisch und zieht sich nach jeder Frage über die Sitten und Gebräuche seines Volkes tiefer in ein Plastikmöbel zurück.

Die Geister mit den Vogelstimmen

Die Bambuskörbchen im Bilek, dem Wohnraum der Familie, sind für ihn keine Opferstelle mehr für die unüberschaubare Geisterwelt, die einst den Alltag der Iban regierte. Nein, in seinem Langhaus gibt es keinen Lemambang, keinen Sachwalter der Mysterien und Mythen, mehr. Und statt des Manang, des Medizinmannes, ruft er per Funk den ärztlichen Hubschrauberdienst. Statt mit der Geisterwelt verhandelt Legan mit den Katasterbehörden, wenn sich ein zugewiesenes Stück Land als unfruchtbar erweisen sollte. Das übersensible Semanganat Padi, die Seele des Reiskorns, das nach Iban-Tradition für schlechte Ernten verantwortlich ist, hat Legan als Aberglauben abgetan. Die Neuzeit dringt in die Iban-Dschungel ein.