Von Hansjakob Stehle

Überlebenskunst und Moral haben es in der Politik, zumal der kirchlichen, immer schon schwer miteinander gehabt. Teils, weil eine Anpassung an böse Umstände, etwa im totalitären Staat, keineswegs das Bedürfnis nach einem guten Gewissen mindert; teils, weil die Moralisten, die in der Nachhut der Historie marschieren, stets alles „besser“ wissen – nachträglich. So entstehen Legenden, etwa jene vom einmütigen Widerstand oder auch von der schweigenden Nachgiebigkeit und Kollaboration „der“ katholischen Kirche und ihrer Bischöfe im Dritten Reich.

In Wirklichkeit stellen sich dort, wo Geschichte gemacht und erlitten wird, die Alternativen nie so lupenrein. Zu dieser Erkenntnis, die im kirchlichen Milieu oft von apologetischen Überanstrengungen erschwert wird, hat seit dem Ende der sechziger Jahre die katholische Kommission für Zeitgeschichte mit ihren Quellenveröffentlichungen und Forschungsberichten vieles beigetragen, so auch mit ihrem jüngsten, durch Ulrich von Mehl bearbeiteten Dokumentarband:

Walter Adolph: „Geheime Aufzeichnungen aus dem national-sozialistischen Kirchenkampf 1935–1945“; Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1980; 304 S., 38,– DM.

Rücksichtslos und ehrlich hat ein katholischer Prälat, ein enger Vertrauter des Berliner Bischofs Konrad Graf von Preysing, seine Erfahrungen und Empfindungen in jenen Jahren niedergeschrieben. Davon blieben, versteckt in einem Gurkentopf, fünfhundert Seiten erhalten; nur ein halbes Dutzend der 151 Notizen stammen aus den Kriegsjahren, 139 jedoch aus den Jahren 1937 und 1938, einem entscheidenden Zeitabschnitt: der Konfrontation zwischen katholischer Kirche und Hitlerregime. Was Adolph selbst bis zu seinem Tode (1975) in zahlreichen Publikationen nur diskret angedeutet hat und nach späteren Erfahrungen mit kommunistischer Kirchenpolitik auch anders beurteilte als in seinen jüngeren -Jahren das kommt in diesen Blättern unverblümt zum Vorschein: der tiefe Riß im Episkopat, vor allem zwischem dem kämpferischen Bischof Preysing und dem diplomatischen Breslauer Kardinal Bertram, dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz.

Dabei ging es jedoch nicht nur um richtige Verteidigungstaktik und Überlebensstrategie, sondern auch um falsche, enttäuschte Erwartungen. „Viele von uns erhofften den Anbruch einer neuen Zeit“, erinnert sich Adolph an die erste Etappe nach Hitlers Machtergreifung, als der katholische Volksteil „ein hohes Maß von gutem Willen und beglückter Hoffnung... dem neuen Regime zur Verfügung stellte“. Das galt selbst für einen Mann wie Erich Klausener, den Berliner Vorsitzenden der „Katholischen Aktion“, der 1934 auf Befehl Heydrichs ermordet wurde. „Wahrscheinlich beruhten die Vorschußlorbeeren auf der sprichwörtlichen Instinktlosigkeit des deutschen Katholizismus“, notierte Adolph im März 1937, als die antikirchlichen Eingriffe, Schikanen und Diffamierungskampagnen des Regimes einen Höhepunkt erreichten und der Geduldsfaden Papst Pius XI. gerade gerissen war.

Mußte aber seine Enzyklika „Mit brennender Sorge“ wirklich als Kampfansage, ja Ankündigung des Bruchs verstanden werden? Hitlers Ideologen neigten zu dieser Deutung, aber auch ein Bischof wie Preysing, der nichts von Verhandlungen mit dem Staat hielt, wenn dieser nicht vorher einen „Waffenstillstand“, gewähren würde, wähnte den Vatikan endlich auf kompromißlosem Widerstandskurs. In Wirklichkeit aber war Kardinalstaatssekretär Pacelli, der diplomatische Architekt des Reichskonkordats von 1933, emsig bemüht, die Brücken nach Berlin nicht abzubrechen: Wenn der Papst den „Vernichtungskampf gegen die Kirche beklage, so habe er dabei nicht „die, Staatsführung als solche“ gemeint, so beschwichtigte Pacelli in einer Note an die Reichsregierung am 30. April 1937.