Früh mußte er erfahren – was er als Achtzehnjähriger auf die Formel brachte –, „daß es im Leben immer nur um den furchtbaren Kampf der Menschen um Erwerb, um Sein oder Nichtsein“ geht. Als er zehn Jahre alt war, verließ der Vater, ein Zuschneider, die Mutter und fünf Kinder wegen einer anderen Frau, Die unmittelbaren Folgen: „Es gab ein Tohuwabohu bei uns..., an den hinterlassenen Schulden hatte meine Mutter noch viele Jahre abzuzahlen. Wir Kinder natürlich sofort aus den höheren Schulen genommen und provisorisch zu einer kleinen Privatlehrerin geschickt.“ Und was er daraus lernte: „Das ist das Leben. Rette sich, wer kann.“

Damit aber meinte er nicht, sich in einen Winkel zu verkriechen und irgendwo zu überleben. Sein Wunsch war vielmehr, sich „nach oben zu assimilieren“. Dies war nicht allein in seiner kleinbürgerlichen Herkunft und dem Scheitern der elterlichen Ehe. begründet, sondern hatte einen tieferen Grund: „Ich hörte zu Hause..., meine Eltern wären jüdischer Abkunft und wir bildeten eine jüdische Familie. Viel mehr merkte ich innerhalb der Familie vom Judentum nicht. Draußen begegnete mir der Antisemitismus.“

Er hat lange gebraucht, sein Judentum anzunehmen. Zunächst hat er versucht, sich dagegen aufzulehnen, es zu unterdrücken, ja, zeitweise – und das gehört zu den schwer erklärbaren Widersprüchen in seinem Leben, seinem Denken, auch in seiner umfangreichen literarischen und journalistischen Arbeit – gab er, der selber Jude war, sich sogar antisemitisch! Während seines Medizinstudiums hatte er sich mit rassenkundlichen Theorien beschäftigt. Und noch der Fünfzigjährige, der seine Nase als „charakteristisch stark, auch lang“ beschrieb, als „die eines Juden“, fügte über sein Aussehen korrigierend hinzu: „Ethnologisch ist er kein reiner Typus. Es liegen nordische Akklimatisationseinflüsse vor, erkenntlich an dem Langschädel, der graublauen Augenfarbe und der Farbe“ der Kopfhaare, die angeblich in der Jugend flachsblond war und erst später nachdunkelte“.

In einer privaten Mitteilung äußerte er einmal: „Die verfluchten Juden mag ich nicht, man erlebt nur Enttäuschungen mit ihnen, sie sind ein verruchtes heilloses Volk..., was soll ich „damit?“ Als er dies schrieb, war er bereits im Exil, weil er in seiner Heimat als Jude nicht mehr sicher war. Zuvor allerdings hatte er öffentlicherklärt: „Ich will nicht vergesse: ich stamme von jüdischen Eltern.“ Dennoch blieb er auf dem Boden einer falschen wissenschaftlichen Theorie; auch dies hat er – ebenfalls öffentlich – geschrieben: „Zwei bis drei jüdische Generationen ohne Druck produzieren völlig unschädliche Sprößlinge, die denen der Wirtsvölker in nichts nachgeben. Ergo: man lasse die Juden im Westen reich werden und sie werden bald ausgerottet sein.“ Er mochte allerdings auch die anderen nicht, die Kollegen zum Beispiel; einem Freund schrieb er: „Wer soll diese Gesellschaft in der Nähe aushalten. Sie ist grausig; Kleinbürger, die sich gegenseitig beklatschen, Geschwätz untereinander her tragen. Du weißt, daß das Furchtbarste die Gesinnungsschnüffelei ist. Das findet man hier aufs Schönste rechts und links; wie soll ich mit meiner Frivolität und Leichtigkeit das aushalten.“

Auch im Exil fühlte er sich nicht wohl. Er war zunächst in die Schweiz gegangen, dann nach Frankreich, sprach aber kein Französisch. „Von vornherein fühlte er sich infolge ungenügender Sprachkenntnisse französischen Partnern gegenüber unter dem eigenen Niveau, verkrümelte sich, schwieg“, berichtete ein Beobachter. Auch Englisch konnte er nicht. Über eine Begegnung mit Joyce berichtete er selber: „Wir sahen uns an und schwiegen.“ Mit seiner Frau und dem jüngsten Sohn ging er dann in die Vereinigten Staaten, wo er von einer winzigen Arbeitslosenunterstützung lebte.

Zurückgekehrt in die Heimat blieb der einst so Erfolgreiche auch da völlig isoliert und setzte sich zwischen alle Stühle. Bevor er das Land noch einmal verließ, schrieb er an Theodor Heuss: „Es wurde keine Rückkehr..., ich bin in diesem Land, in dem ich und meine Eltern geboren sind, überflüssig.“

In letzter Zeit ist viel von einem die Rede, der eines seiner bedeutendsten Werke (neu) verfilmt hat. Von ihm selber kaum.

Wer war’s?