Die Unternehmenspolitik des deutsch-holländischen Stahlkonzerns Estel ist zur Sache einer ganzen Stadt geworden. Dortmund drängt zu einer Entscheidung über den Bau eines neuen Stahlwerks auf der Westfalenhütte.

Detlev Rohwedder, der Vorstandsvorsitzende der Estel Hoesch AG, steht unter Druck. Er hat den schon beschlossenen Bau eines Stahlwerks auf der Westfalenhütte in Dortmund gestoppt und damit für Unruhe unter den 25 000 Hoesch-Mitarbeitern und den mehr als 600 000 Einwohnern von Dortmund gesorgt. Die Industriemetropole im Osten des Ruhrgebiets befürchtet, daß einige weitere tausend Arbeitsplätze verloren gehen könnten.

Die Sorgen sind verständlich. In den letzten zwanzig Jahren sind in der traditionsreichen Stadt, die früher als Synonym für Kohle, Stahl und Bier galt, 57 000 Arbeitsplätze verschwunden, das Bruttosozialprodukt je Beschäftigten ist unter den Bundesdurchschnitt gesunken. Und schon macht das Wort vom Armenhaus des Reviers die Runde.

Rohwedder sträubt sich jedoch gegen eine bequeme Lösung. Er weiß, daß er nur den Startschuß für das neue Stahlwerk geben müßte, um von einem Tage auf den anderen vom Buhmann zum gefeierten Helden zu werden. Aber er widersteht der Versuchung, er strebt nach einem Konzept, das auf Dauer Bestand haben kann.

Daß dies unter den Augen der Öffentlichkeit geschieht – auf dem Marktplatz sozusagen –, macht es für ihn nicht leichter. Aber er muß wohl akzeptieren, daß der größte Arbeitgeber der Stadt nicht auf einer Insel lebt, daß die Öffentlichkeit versucht, auf seine Entscheidung Einfluß zu nehmen.

Was er nicht akzeptieren muß und wohl auch nicht will, ist ein Vetorecht der Öffentlichkeit gegen die Entscheidung, die der Vorstand schließlich zu treffen hat. Für die kann nur das Maßstab sein, was den Interessen des Unternehmens dient. Und das liegt schließlich auch im Interesse der Stadt, der auf Dauer nur ein gesundes Stahlunternehmen hilft.

Das scheint inzwischen auch in Dortmund akzeptiert zu werden, denn die sogenannte Dortmund-Konferenz, die in der vergangenen Woche über die Bühne ging, entpuppte sich keineswegs als Rohwedder-Tribunal. Bund und Land gaben zu erkennen, daß die für das Stahlwerk zugesagten öffentlichen Mittel auch dann zur Verfügung stehen könnten, wenn Hoesch ein anderes Konzept vorlegt. Rohwedder ist also deutlich im Aufwind.