Im bloßen Fortschritt liegt das Glück der Menschen nicht

Von Marion Gräfin Dönhoff

Darüber sind wir uns doch wohl alle einig: In den letzten zwanzig Jahren, ist es immer mehr und mehr Leuten immer besser und Besser gegangen. Aber immer Weniger und weniger Leute sind sorglos, zufrieden, glücklich. Vielleicht bieten die Weihnachtstage abseits der üblichen Hektik eine gute Gelegenheit, einmal über diesen seltsamen Widerspruch nachzudenken.

Seit der Aufklärung galten alle Träume und alle Reformbemühungen einem Ziel: mehr persönliche Freiheit für den einzelnen zu erkämpfen. Man hat sich also bemüht, politische Repression und ideologische, vor allem kirchliche Bevormundung abzubauen. Zu einem hohen Grade ist dies gelungen. Angesichts dieser Entwicklung müßten die Menschen eigentlich große Befriedigung empfinden, aber Dankbarkeit und Ausgeglichenheit sind nicht die Kennzeichen ihres Seelenzustandes. Typisch sind vielmehr die Klagen über Entfremdung, Vereinsamung und fehlende Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung.

Nationaler Selbsthaß

Wenn die Fernziele erreicht sind, breiten sich offenbar Unmut und Langeweile aus. Bei vielen Schriftstellern, Filmemachern und Kommentatoren kommen Trauer und Verzweiflung zum Ausdruck, spürt man, daß Kritik sich oft zu einer seltsamen Art von nationalem Selbsthaß auswächst.

Mit Wollust stellen viele Beobachter fest, daß des Kanzlers Autorität angeblich einer zunehmenden Erosion ausgesetzt ist, daß Verteidigungsminister Hans Apel, von dem es hieß, er sei der geborene Kronprinz, an Glaubhaftigkeit eingebüßt habe, daß die Regierungskoalition sich in der Krise befindet. Genugtuung scheint manche Bürger vor allem dann zu erfüllen, wenn etwas schiefgeht. Kritik ist das eigentliche Lebenselixier geworden. Merkwürdig, daß aller Fortschritt vorwiegend zur Negation geführt hat. In primitiven Gesellschaften ist das ganz anders: Da ist der Feind nie drinnen, da kommt er nur von draußen.